Von Hansferdinand Döbler

Wir alle kennen die Bilder: Ein Geiselnehmer schiebt die Geisel vor sich her, die geladene und entsicherte Waffe hat er an die Schläfe des Opfers gesetzt, entschlossen, es bei dem geringsten Widerstand zu erschießen. Wer mit einem solchen Geiselnehmer über Megaphon verhandeln will, wird seine Empörung, seine Wut über diese Art der Kriminalität zügeln müssen, wenn er etwas erreichen will – vom Austausch der Geisel bis zu freiem Abzug. Wenn es nun aber um Tausende, um Millionen Geiseln geht, Juden, Polen, Zigeuner, und bei dem Geiselnehmer um einen bisher zivilisierten Staat, der gegenüber jenen Opfern keine menschliche Rücksicht mehr kennt – was dann?

In dieser Lage befand sich das IKRK, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, gegenüber dem sogenannten Dritten Reich und seinen Satelliten, und seit 1945 ist die Frage nicht verstummt, weshalb es nicht durch lauten Protest auf die Massentötungen in den Vernichtungslagern hingewiesen hat als „Stimme des Weltgewissens“ und was es unternommen hat, um das Los derer zu mildem, die Opfer des Holocaust waren.

Jean-Claude Favez hat es in seinem gründlichen Werk „Das Internationale Rote Kreuz und das Dritte Reich“ unternommen, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Favez ist abschließend der Meinung, das IKRK habe schon frühzeitig gewußt, was in deutschen Lagern vorging. Die Tatsache einer fehlenden Rechtsgrundlage entschuldige nicht, daß das Genfer Komitee auf Interventionen zugunsten der jüdischen Opfer verzichtet und sich an die traditionellen Schutzfunktionen für Kriegsgefangene geklammert habe. Der gleichen Ansicht ist Gerhart Riegner, der damalige Leiter des Jüdischen Weltkongresses, der im Schweizer Fernsehen meinte, als humanitäre Stelle hätte man damals – ohne Rücksicht auf irgendeinen Erfolg – die Nazis öffentlich anklagen müssen.

Das von Jean-Claude Favez, dem Professor für Neuere Geschichte und Rektor der Universität Genf, vorgelegte Material reicht aus, um sich bis ins Detail selbst ein Urteil zu bilden. Wer damals Verantwortung zu tragen hatte und sich Schritt für Schritt mit der eskalierenden Brutalität des Naziregimes konfrontiert sah, ohne das Ende zu kennen, ohne die „Unberechenbarkeit des Geiselnehmers“ einschätzen zu können, müßte sich freilich schwerer tun als der Historiker des Geburtsjahrgangs 1938.

Werfen wir einen Blick auf die Akteure. Auf der einen Seite die Herren vom IKRK, Honoratioren konservativer Prägung von großbürgerlicher Weltklugheit, „Amateure mit besten Absichten“ (Favez) von unbezweifelbar humaner Gesinnung. Carl J. Burckhard etwa, der schon 1934 in einem prophetischen Brief an seinen Freund Hugo von Hofmannsthal die Verlogenheit und monströse Brutalität des „Dritten Reiches“ mit all ihren Folgen voraussah, 1937 bis 1939 Völkerbundskommissar in Danzig und anschließend bis 1945 Präsident des Internationalen Roten Kreuzes, oder der tiefreligiöse Max Huber, Präsident des Verwaltungsrates von Oerlikon, Präsident des Internationalen Gerichtshofes in Haag Von 1924 bis 1927, der 1928 den Vorsitz des IRK übernahm, den er trotz verschlechterter Gesundheit bis 1944 beibehielt.

Auf der anderen Seite der junge „Reichsarzt SS“ Dr. Ernst Robert Grawitz, praktizierender Arzt in Berlin, ein begeisterter Nazi und Karrierist, als Brigadeführer zu jedem Einsatz bereit, der am 1. Januar 1938 geschäftsführender Präsident des Deutschen Roten Kreuzes wurde und diese Stellung beibehielt, bis er im Herbst 1944 mit der ganzen Familie Selbstmord beging. Seine Aufgabe, das DRK im Sinne der Nazis gleichzuschalten, hat er bedenkenlos erfüllt; er diente dem Sieg der Herrenrasse.