Von Maria Huber

Moskau, Ende Februar

Die Herrschenden stellten sich vor, die Massen könnten plötzlich, in einem Kraftakt den Machtkampf in der Sowjetunion für sich entscheiden. Zur Abwehr inszenierte die alte Garde und die neue Führungsschicht im Kreml vergangene Woche gemeinsam einen beispiellosen psychologischen Krieg: Niemand sollte an den Kundgebungen der demokratischen Oppositionsgruppen teilnehmen, alle am Sonntag zu Hause bleiben.

Eben diese Opposition bildete für den Reformerflügel lange eine breite Basis. Nun ist sie zur ständigen Bedrohung geworden. Michail Gorbatschow will keine in den Straßen erzwungene Wende wie in Ost-Berlin, Prag und Sofia. Ihn schreckt das Beispiel von Baku, wo jüngst Demonstranten das Hauptquartier der Partei eingekreist hatten. In Moskau sollte sich am vergangenen Sonntag nicht der Marsch ins Zentrum zum Manege-Platz wiederholen. Dort, vor den Toren des Kreml, waren vor drei Wochen 200 000 Menschen zusammengekommen. Redner auf der Kundgebung forderten schon damals den Rücktritt der Führung und einen Runden Tisch für die Opposition.

Mit denselben Parolen war es dem Wählerblock Demokratisches Rußland am 25. Februar nur erlaubt, am Rande der Innenstadt aufzutreten. Die Organisatoren innerhalb und außerhalb der Partei hatten zunächst mit einer halben Million Demonstranten gerechnet. Ein Großaufgebot von Sicherheitskräften und aufwendige Absperrungen sorgten dafür, daß der Aufmarsch für „Demokratie und Erneuerung“ weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Auf dem Roten Platz herrschte Stille. Eine neue Februarrevolution fand nicht statt. In Rostow am Don, in Rjasan und anderen zentralrussischen Städten hatten die Behörden die Demonstration gleich ganz untersagt.

Überall, in Moskau und in Minsk, in Kiew und in Kemerowo, kam die Teilnahme an der Kundgebung einer Mutprobe gleich. Machthaber und Medien hatten Panik erzeugt, wie sie das Land seit Jahren nicht mehr kannte. Parlament und Partei zogen plötzlich wieder an einem Strang. Oberster Sowjet und Zentralkomitee wandten sich landesweit an die Werktätigen, in dieser „schweren Stunde“ die Perestrojka zu verteidigen.

Systematisch verbreitete Gerüchte unterstellten, die Perestrojka sei in Gefahr: „Hinter der Maske von linken Demokraten“, wie sich Ministerpräsident Ryschkow ausdrückte, lauerten Extremsten und Demagogen, die zu Gewalttaten aufwiegeln könnten. Im Wolgograder Fernsehen warnte der stellvertretende Milizchef in einer mehrfach wiederholten Sendung vor Kriminellen, die während der Demonstration die öffentliche Ordnung stören wollten. Die Staatsmacht werde notfalls mit härtesten Maßnahmen für Ruhe und Ordnung sorgen.