Von Peter von Becker

Wir sind bereits im zweiten Akt und ein wenig ermattet von den Geplänkeln dieser trotz Bier, Schnaps und Wörterströmen mit Zungen wie Stroh aufeinander eindreschenden Damen und Herren, die sich zu einem Genrebild versammelt haben, welches wohl heißen könnte: bürgerliche Gesellschaft, Schweiz am Abend. Da plötzlich, da endlich hören wir auch die Stimme des Autors; sie spricht vom Band, von dem heute die Kinder schon die alten Märchen hören: "Vor vielen Jahren, es begann zu herbsten, saß ich im Bahnhofbuffet Buchs. Die Stühle standen bereits auf den Tischen. Da öffnete sich die Tür, und es erschien in einem schwarzen Pelzmantel ein Herr. Wissen Sie, wer das ist? fragte mich die Serviertochter. Ich nickte. Dann können Sie bleiben, sagte sie. Oskar Werner trank eine Flasche Fernet. Die Serviertochter saß vor einer kaputten Musikbox und brachte mir von Zeit zu Zeit ein Bier. Ich sah zu, wie Oskar Werner trank. Er sagte einen einzigen Satz: ‚Morgen nehme ich den Nachtzug nach Wien.‘ Als die Flasche leer war, sank sein Kopf auf den Tisch."

Was hier anklingt, wäre der Stoff womöglich für eine kleine Novelle. Und ihr Verfasser hätte ja gerade bewiesen, daß er ein Meister ist in diesem Fach. Vor fast zehn Jahren debütierte der 1950 geborene Thomas Hürlimann, aus einer Schweizer Ministerfamilie stammend, mit einem Theaterstück ("Großvater und Halbbruder") und einem Erzählungsband ("Die Tessinerin"), die beidemal helvetische Bedrängnisse und Verdrängungen – den Anpassungswiderstand gegenüber Hitler, den Argwohn gegen Fremde und Flüchtlinge – mit sanfter Insistenz beschworen. Später dann ein kurzer Absturz, 1985 die theatralische Sterbeposse eines Tycoons der Geflügelwirtschaft ("Stichtag"); aber im letzten Herbst die triumphale Wiederkehr: Hürlimanns Novelle "Das Gartenhaus", ein kleines Kunstwerk, wie von Thomas Tschechow.

Nun zurück nach Buchs. Und ins Theater. Denn Hürlimanns Begegnung mit dem bereits von Depressionen, Größenwahn und Trunksucht zerrütteten, durch seine Filme jedoch so unvergeßlich wunderbaren Oskar Werner, dieses wahre Beinahetreffen ("Ich traute mich nicht, ihn anzusprechen"), hat den Schriftsteller zu keiner neuen romantischen Prosa verführt. Die Szene spielt im Bahnhofbuffet Buchs, Ortszeit Nacht, und der Herr im schwarzen Pelz tritt tatsächlich auf. Weil Oskar Werner auch in Thomas Hürlimanns Stück "Der letzte Gast" ein später Alkoholiker ist, ergibt sich daraus zwar eine so schöne, dreisilbige Verhängnis-Sentenz wie: "Durst in Buchs"; auch muß man über die Stätte im oberen Rheintal, vierzig Kilometer südlich von Bregenz an der schweizerisch-österreichischen Grenze, gewiß nicht mehr wissen als über Thomas Bernhards Oostende oder Augsburg. Trotzdem, sagt eine amerikanische Spiel-Regel, reicht es noch nicht, einen zweiten Akt zu haben. Und allein der tote Werner rettet das neue Stück nicht mehr.

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Wenn nicht in Buchs, dann sind wir, wie im "Gartenhaus", wieder bei einigen leicht abgetakelten Herrschaften in einem Haus am See zu Gast. Statt freudvoll "Laetitia" heißt die Villa nun nach der mythischen Quelle "Arethusa"; man nimmt auch hier seinen abendlichen Drink als sundowner, nennt die Mutter maman und redet von französisch-helvetischem style. Nur sind die weichen Melancholien und die zarten Perfidien der "Gartenhaus"-Gesellschaft verweht. Jetzt herrscht die tosende, tobende Windstille der Klamotte. Der eingeheiratete Hausherr, ein Schirmfabrikant auf dem trockenen (der Ehe, des Männerlebens), signalisiert uns: "Für Humor bin ich immer zu haben" und stellt sich spater nochmal eigens vor: "Ich bin der fröhliche Frunz, normal durch und durch."

Dieser Fredi Frunz hat einen Kollegen Kuno Knill, der nach "Weiberfleisch" fragt und das Taschenbild seiner Verblichenen mit einer Kreditkarte verwechselt. Der Dritte im Bunde – auch er ein Schweizer, aber rheinabwärts zum Kölner promoviert – heißt Dr. Pütz und arbeitet an einer "musikalischen Anthologie": "Der Fisch im deutschen Liedgut". Alle drei betreiben einen Anglerverein, obwohl, ein Zeitstück, der See längst chemisch gekippt ist; denn, sagt Dr. Pütz: "Wir lassen die Fische auch dann nicht im Stich, wenn es keine mehr gibt."