Japans alte und neue Regierungspartei ist enttäuscht. Die Wertpapierhändler im Lande signalisieren Alarm, Industrie und Anleger beschleichen Crash-Ängste. Obwohl sich die japanischen Wähler am 18. Februar scheuten, der Liberalen Demokratischen Partei (LDP) bei den Unterhauswahlen das Vertrauen zu entziehen, scheinen die Finanzmärkte den Konservativen und ihrer Politik ein vernichtendes Zeugnis ausstellen zu wollen.

Vor der Wahl waren sich die Börsenprofis einig, daß für den Fall einer stabilen LDP-Mehrheit die an der Aktienbörse von Tokio (TSE) bei derartigen Anlässen obligate “Begrüßungs-Hausse“ zu erwarten sei. Aber das Kalkül ging nicht auf. Statt eines Kursfeuerwerks gab es an der TSE den großen Absturz. Die Wochenbilanz nach dem LDP-Triumph: Ein Verlust des Nikkei-Leitindex um 6,9 Prozent. Doch das waren erst die Präliminarien für das große Zittern, das diese Woche folgte. Am Montag verlor der Leitindex gleich 4,5 Prozent, der zweitgrößte Tageseinbruch seit Kriegsende.

Am Dienstag erholte sich zwar die Börse mit einem Kursanstieg um 1,7 Prozent mit Mühe, aber nur nach einer Krisensitzung im Finanzministerium mit den führenden Männern aus den Chefetagen der Wertpapierhäuser und institutionellen Anlegern: Ein magerer Willkommensgruß für das gleichen Tags ernannte neue LDP-Kabinett. Die feste New Yorker Börse vom Montag bewahrte Tokio am Dienstag vor Schlimmerem. Auch nach der schwächlichen Verschnaufpause am Dienstag legt der Nikkei-Leitindex 9,5 Prozent unter dem Schlußindex vor der Unterhauswahl sowie 12,9 Prozent niedriger als zum Jahresbeginn.

In den ersten zwei Monaten sind an der weltgrößten Aktienbörse damit knapp 800 Milliarden Mark Kapital vernichtet worden, mithin erheblich mehr, als der deutsche Aktienmarkt insgesamt repräsentiert.

An Sündenböcken für den Kursverfall herrscht kein Mangel. Der blitzschnelle Programmhandel per Computer, vor allem aber Ertragsnöte der Banken sollen den Einbruch ausgelöst haben. Seit Wochen haben die steigenden Yen-Zinsen die Buchverluste bei den Renten-Portfolios japanischer Großbanken alarmierend hochgetrieben. Den Bankenriesen, die ihre Erträge ohnehin durch das Entschuldungspaket für Mexiko dahinschwinden sehen, bleibt keine andere Wahl bei der Bilanzkosmetik als der Verkauf von Aktienpaketen.

Für die finden sich indes kaum Interessenten, denn in Tokio macht sich erhebliche Inflationsangst breit, obwohl die Statistiker der Bank von Japan kaum inflationären Auftrieb ausweisen dürfen. Das Dilemma der Notenbank hat Methode: Da die Inflation in Japan mit einem bedenklich antiquierten Warenkorb ermittelt und damit verschleiert wird, geraten die Stabilitätshüter der Notenbank bei ihrem Wunsch, auf die geldpolitische Bremse zu treten, in erhebliche Begründungsnöte.

Die in aller Öffentlichkeit seit mehreren Monaten zwischen dem Finanzministerium, das die Konjunktur ankurbeln möchte, und der Notenbank ausgetragenen Zins-Kontroversen haben die Finanzmärkte erheblich verstimmt. Das bekam vor allem der Yen zu spüren, dessen Schwäche die Inflationsängste der Bank von Japan schürte. Über das Geldmengenwachstum von 11,5 Prozent im Januar gerieten die Börsianer in Tokio derart in Panik, als sei eine Diskonterhöhung um 0,75 auf fünf Prozent schon beschlossene Sache.