Ein Staatsbegräbnis und den üblichen Aufbahrungspomp verbat er sich energisch – und mit Erfolg. Denn auch am Ende seines fast 94jährigen Lebens wollte Sandro Pertini der Mann des Volkes und nicht die Repräsentationsfigur jener classe politica sein, die sich selbst gern zelebriert. Wie kein anderes Staatsoberhaupt Italiens hat er in diesem Amt, in das er erst mit 82 Jahren gewählt worden war, Menschlichkeit, Temperament und Toleranz – Haupttugenden seines Volkes – glaubwürdig verkörpert.

Als Sozialist stets undogmatisch, weil freiheitsliebend, als Jurist wie als Journalist immer ein Verfechter des Rechts, kämpfte Pertini mit gleicher Konsequenz gegen Faschisten und Nazis wie gegen stalinistische und autoritäre Versuchungen in der eigenen Partei. „Sechsmal verurteilt, zweimal geflohen“ – so der beziehungsreiche Titel seiner Autobiographie.

Doch die Erlebnisse seiner jüngeren Jahre hinterließen keine Ressentiments, hinderten ihn nie, spontan seinen Gefühlen zu folgen, auch wenn Politik und Protokoll im Wege standen. Es war dieser humane Impuls, der ihn 1980 an der Seite der süditalienischen Erdbebenopfer gegen die säumige Regierung auftreten ließ. Ein Jahr später, nach dem Attentat auf den Papst, hielt er Nachtwache am Bett jenes Mannes, mit dem ihn Freundschaft verband, obschon er selbst Zeit seines Lebens Atheist blieb. Immer wieder geißelte er das Krebsübel der Korruption, beanstandete er Schlamperei. Der Politikerklasse wurde er immer unheimlicher. „Die meisten, die mich wählten, haben es schon bereut“, stellte er drei Jahre nach seiner Wahl schmunzelnd fest.

Nichts war Pertini so zuwider wie politische Unmoral, die sich mit Phrasen tarnt, nichts so lieb – außer seiner Pfeife – wie sein italienisches Vaterland, dem er mit großväterlicher Strenge und Milde manche Laster vorhielt – und verzieh. Hj.St.