Kränkelnden Gesellschaften geht es wie älteren Lebemännern: Was an ihnen nicht mehr zu retten ist, damit treiben sie Kult. So pflegt Amerika in Hollywood die amerikanischen Tugenden oder was es dafür hält: in den Vietnamfilmen den Habacht-Patriotismus, in den zahmeren Thrillern das Gerechtigkeitsgefühl des Cops, in Baby- und Ehegeschichten den Familiensinn. Besonders das Familiäre hat sich als wertbeständiges Genre erwiesen. Den Trennungsszenarien in "Kramer gegen Kramer" und der "Entheirateten Frau" folgte eine Welle von Versöhnungsphantasien à la "Zeit der Zärtlichkeit" oder "Harry und Sally"; und seit es im realen Leben mehr Scheidungen gibt als je zuvor, blüht die Haus-und-Garten-Branche wie noch nie.

Der Zement der neuen Kinopuppenheime aber ist das Baby, und so produzieren die Drehbuchautoren fleißiger Nachwuchs auf Papier als ihre Mitbürger in der Wirklichkeit. Unerbittlich prasselt der Kindersegen auf Wohngemeinschaften, Alleinstehende und frische Paare herab, und selbst ein ewiger Eintänzer wie John Travolta bleibt von der Plage nicht verschont: In Amy Heckelings Kassenerfolg "Look who’s talking" kommt er als taxifahrender Samariter zu Kind und Frau. Weitere Titel aus dem Frühjahrsangebot: "Parenthood", "True Love", "Staying Together", "Immediate Family", "Dad". Die Etiketten sagen schon das Wesentliche: Bitte komplettieren Sie selbst. Daß noch gelegentlich ein Ehemann seinem Liebling melden muß, er habe die Kinder geschrumpft, ist die Ausnahme. Die Kindergeschichten schießen wie Pilze aus der allgemeinen Trostlosigkeit, der Angriff der Killerbabys rollt, und heller als die Sterne am Himmel scheint das Eheglück.

Da fallen uns Barbara und Oliver vor die Füße. Mit dem Kronleuchter kommen sie herunter, geradewegs von der Decke ihres Hauses. Barbara und Oliver Rose zerschellen auf dem Marmorfußboden, den sie siebzehn Jahre lang miteinander geteilt haben. Sterbend legt Oliver seine Hand auf Barbaras Arm, und mit ersterbender Kraft schiebt sie sie weg. Letzte Szenen einer Ehe: "Der Rosen-Krieg" oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben. So langsam dieser Film explodiert, so gründlich sprengt er die falschen Fassaden des amerikanischen Traums.

Danny DeVito, der den "Rosen-Krieg" gedreht hat, ist ein Hollywoodschauspieler der Marke "Gnome und Käuze". Ein Dutzend Filme hat er als Bösewicht oder schräger Vogel belebt, von Milos Formans "Einer flog übers Kuckucksnest" bis Ivan Reitmans "Zwillinge". In den siebziger Jahren drehte DeVito ein paar Kurzfilme, in den achtziger Jahren gelang ihm der Durchbruch als Regisseur. Daß der böse Gnom keine Durchschnittsphantasie besitzt, konnte man schon an seinem Erstling "Throw Momma from the train" ablesen: Der Film handelte schlicht davon, wie man seine alte Mutter um die Ecke bringt. Mit dem "Rosen-Krieg" hat DeVito aus seinen Bosheiten so etwas wie einen eigenen Stil gemacht. Seine Exzesse sind die Schlammspritzer auf dem rosa Tüll der neuesten Hollywoodkollektion.

Der "Rosen-Krieg" ist ein Märchen vom Fetisch und wie er zerplatzt. Barbara (Kathleen Turner) und Oliver (Michael Douglas) lernen sich auf einer Kunstauktion kennen, heiraten und bekommen zwei schöne, dicke Kinder, beziehen ein großes Haus und richten sich mit allem Schnickschnack darin ein. Nach sechzehn strammen Ehejahren entdeckt Barbara, daß sie ihren Ehemann lieber tot als lebendig sähe, und der Scheidungskampf beginnt. Keiner der beiden möchte sich von dem Haus trennen, das das eigentliche Produkt ihres Ehelebens ist, das Ergebnis aller Mühen, das Grabmal der verflossenen Jahre. So zerstören sie es systematisch, mitsamt allem Porzellan und Kristall, an dem ihre erkaltete Liebe hängt. Der Todesritt auf dem Lüster ist nur die fällige Konsequenz ihres Tobens durch den Raumkokon, in den sie sich eingesponnen haben. Das letzte Mobiliar, das die Roses zerschmettern können, sind sie selber, und so landen sie mit gebrochenen Gliedern auf dem Müllhaufen ihrer Geschichte.

DeVitos zynischer Witz läßt kein Klischee aus, um den amerikanischen Archetypus des braven Mittelstandsehepaars auszumalen. Barbara ist Turnerin, die transatlantische Variante des BDM-Mädels; beim nächtlichen Ringkampf im Ehebett nimmt sie ihren Mann zwischen die Schenkel und zeigt ihm, wozu Bodybuilding gut sein kann. Oliver arbeitet als Rechtsanwalt, er kennt alle Finessen der Gesetzesverdrehung; erst der Haß auf sein Weib läßt ihn die angelernten Tricks vergessen. Und die Kamera, mehr gefräßig als gefällig, stopft die Bilder des frühen Glücks in sich hinein wie ein Freßsüchtiger Pralinen; ihre ausschweifenden, oft völlig funktionslosen Bewegungen karikieren die Sehnsuchtsgier des Zuschauers, der im kitschigen Glück der Filmpaare das ihm versagte eigene konsumiert. Die Sequenz, in der die Roses samt Leuchter von der Decke sausen, hat DeVito aus mehr als einem Dutzend Einzelbildern zusammengesetzt. Auch der Untergang ist ein Schmankerl nach Maß.

Der "Rosen-Krieg" ist zu drei Vierteln im Studio gedreht. DeVito arbeitet mit den Mitteln des Hollywood-Systems; deshalb muß er dem System Zugeständnisse machen. In der Rahmenhandlung, die dem Film nachträglich aufgepfropft wurde, erzählt DeVito selbst als Scheidungsanwalt einem Klienten die Geschichte des Rose-Ehepaares, um den Eheflüchter zur Umkehr zu bewegen. So wird die böse Parabel doch noch zur morality tale und der echte Schock zum falschen.

Am Ende hat der Anwalt, der inzwischen wider besseres Wissen selber zum Ehemann geworden ist, seinen Kunden überzeugt und den Film in sein Gegenteil verdreht. Wäre der "Rosen-Krieg" ein wahrhaftiger Alptraum, dann müßte DeVito jetzt, von den widerstrebenden Kräften seiner Geschichte zerrissen, wie Rumpelstilzchen im Boden versinken. Aber da steht er noch und schaut aus dem Fenster seines Kanzleibüros in den Abend. Und die verlogene Sonne des Kinos lächelt ihm zu.Andreas Kilb