Von Klaus-Peter Schmid

Die deutschen Unternehmer wollten es genau wissen. In neunzehn Ländern erkundigte sich die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) bei ihren Schwesterorganisationen nach der exakten Arbeitszeit. Das Ergebnis der Umfrage: „Die Bundesrepublik Deutschland ist auch 1989 das Land mit der kürzesten Jahressollarbeitszeit.“

Da sich der Abstand zu den meisten Konkurrenzländern vergrößert hat, folgerten die Unternehmer: „Im internationalen Wettbewerb ist für die bundesdeutsche Wirtschaft daher der tarifliche Arbeitszeitfaktor 1989 zu einem noch größeren Handicap geworden.“ Mit anderen Worten: Wenn die IG Metall bei den seit ein paar Wochen laufenden Tarifverhandlungen die 35-Stunden-Woche fordert, dann setzt sie die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie aufs Spiel.

Diese Debatte ist so alt wie der gewerkschaftliche Ruf nach kürzerer Arbeitszeit. Im Jahre 1985 wurde die tarifliche Wochenarbeitszeit in der Metallindustrie zunächst von 40 auf 38,5 Stunden reduziert; von 1987 an lag die Norm noch bei 37,5 Stunden, seit 1989 gilt die 37-Stunden-Woche. Und wenn die Frage, ob denn im Zuge der Arbeitszeitverkürzung wirklich neue Arbeitsplätze geschaffen wurden, die Gemüter erhitzt, scheint das Argument der verschlechterten Wettbewerbsbedingungen einleuchtend. Wo wenig gearbeitet wird, wird der Erfolg schwierig.

Auch bei der großen Standortdebatte von 1987 / 88 war viel davon die Rede, deutsche Arbeiter hätten mehr Freizeit als Arbeit im Kopf, das von unseren Nachbarn gepflegte Bild vom fleißigen Deutschen gehöre endgültig der Vergangenheit an. Auf dem Höhepunkt der Diskussion klagte Tyll Necker, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI): „In Deutschland werden die Kosten, im Ausland die Erträge produziert.“

An diesem Lamento ist zunächst so viel richtig: Die vergleichsweise geringe tarifliche Arbeitszeit in der deutschen Wirtschaft sorgt für relativ hohe Lohnkosten. Vergleicht man alle Industriestaaten der Welt, dann arbeiten deutsche Arbeitnehmer in der Tat am kürzesten (siehe Tabelle Arbeitszeit). Das gilt für die Wochenarbeitszeit mit zwei Ausnahmen: Norwegen und Dänemark. Übers Jahr gerechnet ist die extreme Position der Bundesrepublik seit 1985 unangefochten. Da bringt es der deutsche Arbeitnehmer auf 1668 Stunden, sein Kollege in den USA arbeitet 222 Stunden länger, der japanische Arbeiter gar 505 Stunden.

Im Frühjahr 1988 machte das den Unternehmern nahestehende Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die folgende Rechnung auf: „Ein japanischer Ingenieur wird bis zum Jahr 2000 3,5 Jahre länger gearbeitet haben als sein deutscher Kollege. Seine Ausbeute an neuen Produktionsverfahren und Produkten wird zwangsläufig größer sein als die des deutschen Kollegen.“