Von Marie Hüllenkremer

Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate grollt. Eine Frau soll die Versammlung eröffnen, zu der er sein Erscheinen zugesagt hat. Hektik bricht aus, man berät. Schließlich findet sich eine Lösung: Es bleibt beim Auftritt von Susan Mubarak, doch der Scheich zieht erst zum Ende in die erlauchte Runde ein – wie ein Triumphator. Lohn für die Bereitschaft, einen Kompromiß auszuhandeln und den Herrscher gnädig zu stimmen: zwanzig Millionen Dollar.

Was sich wie eine Klatschgeschichte aus Tausendundeiner Nacht liest, geschah im Februar dieses Jahres in Ägypten am Nil, wo eine internationale Kommission zum ersten Mal ein Meeting abhielt, das nur einen Zweck hatte: Geld zusammenzubringen für den Bau der Bibliotheca Alexandrina. Eingeladen hatte die Unesco nicht von ungefähr nach Assuan, denn dort hatte dieselbe Organisation in einer spektakulären Rettungsaktion die Tempel von Abu Simbel und Philae vor den Fluten des großen Stausees bewahrt, den Staatspräsident Gamal Abdel Nasser vor rund zwanzig Jahren hatte anlegen lassen, um die Wasserversorgung Ägyptens zu sichern.

Diesmal geht die Initiative von Staatspräsident Hosni Mubarak aus, der seinen Ruhm in der Nachwelt sichern will. Mit der Renaissance einer Idee, die Ägypten vor rund zweitausend Jahren zum geistigen Zentrum der Welt machte: An der Spitze der Bucht, in der mit rund zwei Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt Ägyptens will er die Bibliotheca Alexandrina wiedererstehen lassen. Auch diese Institution soll – wie die legendäre Vorgängerin – auf die angrenzenden Mittelmeerländer, die Emirate, den ganzen arabischen Raum ausstrahlen. Und die rund 80 000 Studenten der Universität von Alexandria mit dem Lesestoff versorgen, den sie bisher noch entbehren müssen. Die Hochschule hat keine Bibliothek.

Die einstige Bibliothek von Alexandria genießt – ähnlich wie der Leuchtturm der Stadt, der im Altertum zu den sieben Weltwundern zählte – bis heute einen sagenhaften Ruf. Es gibt nur wenige Zeugnisse: Gegründet wurde sie 290 v.Chr. von König Ptolemaios I. Soter und benannt nach dem Gründer der Stadt, Alexander dem Großen. Rund sechs Jahrhunderte lang galt sie als wichtigste Institution, nicht nur aufgrund der rund 30 000 wissenschaftlichen, philosophischen und literarischen Werke, die dort auf 700 000 Papyrusrollen bewahrt wurden; sie war auch Schule, Forschungszentrum und Quelle für die griechisch-römische wie die arabische Kultur.

Ptolemaios II. forderte die Herrscher anderer Länder auf, Werke für die Bibliothek auszuleihen. Ganze Schiffsladungen voller Manuskripte wurden von einem Heer von Schreibern kopiert, übersetzt und ausgewertet. Alle Dokumente wurden inventarisiert und nach Schlüsselworten eingeordnet.

Zur Bibliothek gehörte das Museion, ein Gebäudekomplex mit Observatorium, zoologischem und botanischem Garten. In dieser wissenschaftlichen Schule studierten Gelehrte wie Euklid, Eratosthenes und Dionysos von Thrake. Die Bibliothek wurde durch ein Feuer zerstört.