Von Franco P. Rote

MÜNCHEN. – Zwei Lager stehen sich in der gegenwärtigen deutschen Diskussion gegenüber: die „Wieder-Vereiniger“ und die „West-Europäer“. Erstere machen sich lauter bemerkbar und klingen teilweise durchaus nationalistisch. Die anderen sind und denken jünger.

Die Haltung zur Zukunft Deutschlands ist überwiegend eine Frage der Generation, der man angehört. Die Repräsentanten des Wiedervereinigungslagers – meist ältere Mitbürger und Politiker und ihre entsprechend sozialisierten Sprößlinge – nehmen es als selbstverständlich an, daß in diesem Land alle die Notwendigkeit der Wiedervereinigung einsehen. Das mag für die Kriegsgeneration (Augstein, Czaja, Genscher) gelten, nicht jedoch für den überwiegenden Teil der Generation der Bundesbürger, die im Westteil Deutschlands aufgewachsen sind.

Diese junge Generation läßt sich in zwei Gruppen unterteilen, die mit unterschiedlichen Emotionen an Deutschland denken. Die erste Gruppe ist die, deren beide Elternteile Deutsche oder Bundesdeutsche sind. Sie begreifen dieses Land als ihren Staat, der, eng verknüpft mit den westeuropäischen Nachbarn, in die größere Europäische Gemeinschaft eingebunden ist. Warum sollen sie plötzlich ein Deutschland zwischen Rhein und Oder oder darüber hinaus befürworten?

Die zweite Gruppe sind die „Euro-Deutschen“: Vater oder Mutter entstammen der einen oder anderen europäischen Nation, oder sie selbst haben sich einbürgern lassen. Sie haben, sofern Vater oder Mutter es erlebt und weitergegeben haben, noch ein Alt-Image von Deutschland: das Dritte Reich als Inbegriff des Deutschtums, ein undemokratischer, bedrohlicher Machtstaat. Der Gedanke an ein „großes“ Deutschland weckt bei ihnen zwiespältige Gefühle.

In den letzten vierzig Jahren kamen Millionen von Menschen vorwiegend aus südeuropäischen Staaten in die Bundesrepublik, um Arbeit zu finden. Sie gründeten Familien und erzogen mit deutschen Müttern oder Vätern eine Generation von Deutsch-Europäern, die sich trotz bundesdeutschem Personalausweis durch Sprache, Gewohnheiten und auch Sitten von ihren „echt“ deutschen Spielkameraden und Arbeitskollegen unterschieden. Ihre Herkunft bedingt, trotz des Anpassungszwangs, den eine größere Kultur immer mit sich bringt, ein Bewußtsein von Anderssein – die beste Voraussetzung, um sich als Europäer zu begreifen. Das auffallendste Unterscheidungsmerkmal, der ausländische Akzent, ist bei den meisten einstigen Ausländern mittlerweile verschwunden, sie sind Bundesdeutsche wie die anderen auch.

Diese europäisch-deutsche Generation macht einen nicht zu unterschätzenden Anteil der jüngeren Bundes- und Wahlbürger aus: rund fünf Millionen. Sie ist sich mit den gebürtigen jungen Deutschen darin einig, daß die Bundesrepublik auf dem Weg nach Europa nicht innehalten sollte. Mehr noch, für sie darf das Ziel der Wiedervereinigung nicht auf Kosten der europäischen Integration gehen. Beide Gruppen sind derzeit in der politischen Landschaft und bei den Parteien unterrepräsentiert. Sicherlich war die Öffnung der Mauer ein internationales Ereignis ersten Ranges, bewegend, von enormer Tragweite für Ost und West. Die europäische Einigung jedoch ist nicht nur epochal, sondern ein Jahrhundertereignis.