Nach der Euphorie wächst nun die Angst vor dem Umbruch in der DDR. Sie zeigt sich in steigenden Zinsen.

Warum müssen Menschen eigentlich Angst haben, wenn die Zinsen steigen? Daß dies so ist oder wenigstens so sein sollte, suggerieren jedenfalls besorgte Berichte und Kommentare über den deutschen Kapitalmarkt.

Tatsache ist: Die Zinsen sind in den vergangenen Wochen kräftig gestiegen. Festverzinsliche Wertpapiere bringen jetzt rund neun Prozent, öffentliche Anleihen werfen soviel ab wie zuletzt Mitte 1982 – in realer Rechnung, also nach Abzug der Preissteigerungsrate, sogar deutlich mehr als vor acht Jahren.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, warum die Zinsen in den vergangenen Wochen vor allem in der Bundesrepublik so stark nach oben kletterten, obwohl sich gesamtwirtschaftlich in dieser kurzen Zeit praktisch nichts geändert hat. Interessanter ist es, welche Gründe die professionellen Beobachter des Kapitalmarktes dafür nennen. Denn es läuft immer auf eines hinaus: die Angst.

Die einen fürchten sich vor der deutsch-deutschen Währungsunion, die anderen davor, daß die Deutsche Bundesbank in diesen aufregenden Zeiten vom Pfad der Tugend abweichen und etwas weniger auf die Stabilität des Geldwertes achten könnte. Wieder andere glauben, daß die deutsche Einheit nur über höhere Preise erkauft werden kann, und sehen den Stern der Mark sinken.

Ob es denn so kommen wird, weiß natürlich keiner genau. Aber fürs erste reicht es, wenn die Akteure an den Finanzmärkten ihre eigenen Ängste ernst nehmen und entsprechend handeln, sich also von ihren festverzinslichen Wertpapieren trennen. Damit bringen sie die Kurse an der Börse unter Druck, und automatisch steigen die Zinsen.

Das Merkwürdige daran ist, daß das Ergebnis solchen Handelns – die steigenden Zinsen – dann als Beweis dafür genommen wird, daß die Ängste berechtigt sind. So nehmen die Dinge ihren Lauf, schaukeln sich gegenseitig hoch, und alle haben es irgendwie geahnt.