So richtig hingehört hat er nicht, wenn die Eltern von dem Pflegekind erzählen. Schließlich hat er genug um die Ohren: die Schule, die frechen Jungen, die ihn auf dem Schulweg drangsalieren, und das Geschenk für die Eltern zum Hochzeitstag muß auch fertig werden. Simon ist vierzehn und fühlt sich wohl bei seinen aufgeschlossenen Eltern, mit denen er alle Probleme freimütig besprechen kann.

So weit vergessen hat Simon das Pflegekind, daß er zunächst glaubt, seine Mutter erwarte ein Baby, als von dem Jungen gesprochen wird, der nun bald ins Haus kommen wird. Und dann holen sie ihn: den vietnamesischen Waisenjungen Ha, der im Kinderheim Robert genannt wurde, der so gestört und schwierig war, daß man dort nicht mehr fertig wurde mit ihm.

Ha schläft in Simons Zimmer, im unteren Teil seines Etagenbettes. Nach wenigen Wochen ist die Familie am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ha zeigt Emotionen nur als Aggression, er kratzt, beißt, kann nichts essen, ist Bettnässer. Sobald er einschläft, fängt er an zu schaukeln. Und mit seinem schwankenden Bett reißt er Simon, hinein in den Strom furchtbarer Bilder aus seiner Vergangenheit, der Kriegskindheit in Vietnam.

Im Traum und am Tag durchleidet Simon Halluzinationen, erlebt das Dorf, den Krieg, die Erschießung der Mutter, den Tod des Vaters, die amerikanischen Soldaten, das Kinderheim. Alles treibt auf eine Krise zu. Rachel Anderson verquickt in dieser Erzählung Elemente von Realismus und Phantastik. Real sind die Lebensumstände der englischen Familie, real die Schilderungen der Ereignisse in Vietnam. Die Autorin versucht, beiden Parteien gerecht zu werden: den Vietnamesen, die zwischen Befreiungsfront und Regierungstruppen zerrissen werden, und der amerikanischen Soldaten, die von einem sinnloser. Kriegsbefehl überfordert und verunsichert sind.

Ins Phantastische gehören die erzählerischer. Passagen, in denen die Erinnerungen des vietnamesischen Jungen in das Gehirn von Simon kriechen, sich dort einen Aufbewahrungsort suchen, bis Ha die Kraft findet, sie wieder zuzulassen. In dieser Verfremdung zeigt sich Distanz. Das Ende des Vietnamkrieges liegt fünfzehn Jahre zurück, ist nicht mehr Tagesgeschehen, sondern schon ein Stück Geschichte. Darauf deutet auch das Nachwort hin: Es beschreibt Voraussetzungen, Verlauf und Nachwirkungen dieses Krieges.

Rachel Anderson hat selbst einen vietnamesischen Adoptivsohn und eigene Kinder; bestimmt sind viele Erfahrungen in diese Erzählung eingeflossen. Nicht zuletzt deshalb ist dieses Buch anrührend. Daß schließlich Simon mit dem Fremden den Weg der Erinnerung noch einmal aufnimmt, ihn als Bruder anerkennt, ist eine mögliche Lösung. Die beste ist es nicht. Sie hätte darin bestanden, daß Ha mit seiner Familie friedlich im vietnamesischen Dorf gelebt hätte. Susanne Krebs

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