Der Trick, mit dem die Rauschgiftfahnder in Hannover ihren Heroinkleinhändlern einen entscheidenden Schlag versetzen wollten, war trojanisch: An einem Mittag fuhren in der niedersächsischen Landeshauptstadt am Weißekreuzplatz, unweit des Hauptbahnhofes, drei Möbelwagen der Firma Ernst Beißner vor. Die Türen öffneten sich, und es sprangen mehr als sechzig Polizisten in Kampfanzügen heraus und umzingelten die Afrikaner, die sich Tag für Tag dort versammelten.

Ein gutes Dutzend Journalisten – für den medienwirksamen Verkauf der Aktion mit eingeladen – wurde alsbald Zeuge einer bizarren Szene. 42 Männer – bis auf eine Ausnahme Schwarze – lagen bäuchlings auf dem Rasen, die Arme mit Handschellen über dem Rücken gefesselt. Polizeibeamte knieten auf ihrer Beute, Passanten applaudierten johlend, daß den Negern mal gezeigt wurde, wo es an der Leine langgeht.

Als nächstes wurden die vermeintlichen Heroindealer an Ort und Stelle einer Leibesvisitation unterzogen und im Rahmen der „erkennungsdienstlichen Behandlung“ photographiert. Die CDU-Fraktion im niedersächsischen Landtag begrüßte das „entschlossene Vorgehen der Polizei“. Der spektakuläre Ausflug im Möbelwagen hatte eigentlich nur einen Makel: Lediglich bei einem einzigen Afrikaner wurden 0,1 Gramm Heroin gefunden – nicht einmal genug für eine Spritze.

Seit die Regierung der Vereinigten Staaten den „Krieg gegen die Drogen“ erklärt hat und in Kolumbien führen läßt, sind in so gut wie allen bundesdeutschen Städten Razzien an der Tagesordnung. In der Georgenstraße in München, am Südstern in Berlin, dem Hansaplatz in Hamburg oder auf dem Friedensplatz in Heilbronn demonstriert die Polizei Aktivität. Ob harmlose Haschischraucher oder verelendete Heroinabhängige gejagt werden, spielt dabei keine große Rolle. Wer aus solcher Betriebsamkeit folgen, daß die Polizei den Handel und Konsum illegaler Rauschmittel erfolgreich bekämpft, irrt. Die Lage für die Frontkämpfer des Drogenkriegs war in der Bundesrepublik noch nie so ernst wie heute.

Vor zwanzig Jahren tauchte hierzulande Heroin in der antiautoritären Subkultur auf. Mittlerweile sind rund 100 000 Menschen danach süchtig. Seit Anfang der achtziger Jahre findet auch Kokain immer mehr Konsumenten. Zunächst als Stimulans im Rockmusiker-, Film- und Jet-set-Milieu goutiert, werden die belebenden Kristalle zu einer Mode- und Straßendroge.

Seit mehreren Jahren finden auch synthetische Drogen aller Art, besonders Amphetamine, zunehmende Aufmerksamkeit. In unserer schnellebigen Zeit versprechen besonders die als Speed gehandelten Aufputschmittel den Bedarf nach mehr Energie im Konkurrenzkampf der Ellenbogen zu decken. Im Gegensatz zu den USA, in denen Kokain und das mit 95 Prozent Backpulver gepanschte Crack zur Geißel der Großstädte geworden sind, ist in der Bundesrepublik nach wie vor Heroin das größte, sich unablässig verschärfende Problem.

Für das Jahr 1988 vermeldete das Bundesinnenministerium in der jährlichen „Polizeilichen Kriminalstatistik“ unter der Rubrik „Rauschgiftdelikte“ 84 998 Fälle – im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um mehr als 10 000 Fälle oder 13,5 Prozent. 1988 starben in der Bundesrepublik mit 670 Menschen so viele Heroinabhängige wie nie zuvor. Für 1989 ließ sich ein neuer makaberer Rekord registrieren: mehr als tausend Rauschgifttote.