Von Gunter Hofmann

Ein eigener, lebensfähiger Staat steht nicht mehr zur Diskussion, wenn die Bürger der DDR am 18. März erstmals seit Jahrzehnten aus einem pluralistischen Parteienangebot auswählen und über ihre Zukunft entscheiden sollen. Alle Parteien plädieren dafür, den Weg der Einheit zu gehen. Es wird auch so kommen.

Die wenigsten der Autoren, die Michael Naumann versammelt hat, haben das so erwartet, die meisten haben es so wohl auch nicht gewünscht. Das erklärt auch schon, weshalb die Intellektuellen in der DDR, deren Anteil am Aufbrechen des ausgedorrten Einheitsstaates groß war, auch wenn er jetzt (vom Westen aus) minimiert werden soll, derzeit so zurückgetreten sind oder melancholisch schweigen.

„Die Geschichte ist offen“: lautet der Aufsatz von Rosemarie Zeplin, der dem schmalen, sehr erhellenden Bändchen den Titel gab. Es mag so ausgesehen haben. Aber das Projekt einer anderen DDR gibt es nicht mehr. Ihren Politikern wie Hans Modrow und den Oppositionsministern ist das dermaßen brutal deutlich gemacht worden, daß sogar Richard von Weizsäcker sich zu der Warnung bemüßigt sah, es gebe nichts „einseitig zu vereinnahmen“ und die Einheit dürfe sich nicht nur auf der „Zugänglichkeit zur D-Mark“ gründen.

Weil sie sich so zurückgezogen haben und weil sie in den patriotischen Chor nicht einfach und nicht allesamt einstimmen wollten, befindet sich ein Teil der Autoren dieses Buches auf der Anklagebank. Die Häme und die Selbstgerechtigkeit, mit welcher die Ost-Intellektuellen pauschal (wiederum vor allem vom Westen aus) niedergemacht werden sollen, liefert zum Anschluß-Denken der Politik nur die Begleitmusik. Hinter der Intellektuellenbeschimpfung dieser Art versteckt sich oft nur das plumpe Plädoyer für den Nationalstaat – ein wirkliches Interesse an der anderen deutschen Gesellschaft offenbart sich daran nicht.

Die Autoren – von Christoph Hein und Günter de Bruyn bis Monika Maron und Stefan Schütz – verdienen aber schon deshalb wirklich ernstgenommen zu werden, weil sie so vielfältig und widersprüchlich, selbstkritisch und meist auch illusionslos argumentieren. Volker Braun spitzt es vielleicht weiter zu als die meisten anderen, aber nicht nur er meint, die Bundesrepublik sei keineswegs das Traummodell.

Das parlamentarische Gerangel werde ein Fortschritt sein gegenüber der absolutistischen Erstarrung. Aber, möchte Braun wissen, gibt es nicht „etwas Moderneres, etwas Demokratischeres“?? Die Chance, als Gesellschaft darüber nachzudenken, müsse man nutzen, „so zwanglos werden wir so bald nicht wieder voreinander stehen“.