Von Marlies Menge

Ost-Berlin, Ende Februar

Aufkleber und Anstecker mit so optimistischen Spruchen wie „Don’t worry – take Gysi“ oder „Take it Gysi“ konnten das PDS-Parteivolk kaum aufmuntern. Es blickte ängstlich gespannt auf einen anderen, dessen Name auf den Ansteckern nicht vorkam- auf Hans Modrow. Der Ministerpräsident der DDR wurde zum Star des PDS-Parteitages, obwohl gerade ihm Staralluren vollkommen fremd sind. Spekulationen waren aufgekommen, Modrow wolle nicht nur nicht für die PDS kandidieren, sondern sogar aus ihr austreten – eine Schreckensnachricht für die gebeutelte Partei, die sich von dem Schlag, den ihr der Austritt des Dresdner Oberbürgermeisters Berghofer verpaßte, noch nicht erholt hat.

Die PDS versucht krampfhaft, der Welt zu beweisen, daß sie nichts mehr mit der ehemaligen SED zu tun hat, die allein die letzten vierzig Jahre bestimmte. „PDS, die neue – produktiv, progressiv, pro DDR“ stand als Motto über dem Parteitag. Wie neu diese Partei sei, könne man allein daran sehen, meinte ihr Vorsitzender Gregor Gysi, daß sie sich von einer Partei gewandelt habe, in der man sein mußte, um etwas zu werden, zu einer Partei, dessen Mitglieder nun fast nichts mehr werden können. Doch das nutzt ihr wenig, ebensowenig, daß sie sich in Partei des demokratischen Sozialismus umgetauft hat. Sie bleibt die Partei, mit der Stasi, Machtmißbrauch, Korruption, Mißwirtschaft assoziiert werden, angefeindet im Land auch von ehemaligen Mitgliedern oder jenen, die all die Jahre brav mitgelaufen sind. Einer der wenigen, die, obwohl PDS-Mitglied, Ansehen auch außerhalb der DDR genießen, ist Hans Modrow. In der DDR ist die Sympathie, die ihm entgegengebracht wird, nach seinem Besuch in Bonn und der herablassenden Behandlung, die ihm und seiner Delegation dort zuteil wurde, sogar noch gewachsen Die Genossen erhoffen sich einen Abglanz seiner Glaubwürdigkeit, seiner Integrität für ihre Partei. So sehr er sich auch dagegen wehrte – er wurde zur Identifikationsfigur für sie, eignet sich dafür wohl auch besser als Gregor Gysi, für den Junge und Frauen schwärmen, dessen intellektuelle Ironie aber mancher Genosse nicht versteht. Modrow empfinden sie eher als einen der Ihren Mit ihm identifizieren sich sowohl die Alten, die wie er schon lange Mitglied der Partei sind, als auch die Jungen, die wie er etwas Neues wollen Sein Name zog sich wie ein roter Faden durch den Parteitag

Am vergangenen Samstag hatten junge Genossinnen große weiße Blatter im Luxemburg-Haus, dem ehemaligen ZK-Gebaude, ausgelegt, auf denen sie Hunderte von Unterschriften für eine Modrow-Kandidatur sammelten. Das ehemalige Allerheiligste war fürs Volk geöffnet. Fahl rader lehnten am Haus. Songs von Udo Lindenberg plärrten aus dem Lautspiechei. In der Empfangshalle standen jede Menge Kinderwagen. Ein gebrechlicher alter Mann stieg die Treppe hoch, die eine Hand am Stock, die andere auf den Arm eines jüngeren Mannes gelegt, wenig spatei ein ähnliches Paar, diesmal weiblich Im breiten Flur spielten Kinder mit Holzbausteinen, malten auf Tafeln, krochen durch einen Stofftunnel, ließen sich ihre Gesichter zu Clownsmasken schminken Im kleinen Saal sahen sie – unter einem Bild von Ernst Thalmann – Donald Duck und juchzten vor Begeisterung.

Bei den Erwachsenen war die Stimmung eher verhalten. Der große Saal, in den zeitversetzt der Parteitag auf eine große Leinwand übertragen wurde, war voll gefüllt vor allem von den „kleinen Leuten“, wie Gunter Gaus sie genannt hat, den Beitragszahlern, die Angst um ihre Zukunft haben. Gespannt verfolgten sie die Reden, klatschten zuweilen, als hatten sie den Redner leibhaftig vor sich In der Ecke standen DDR- und rote Fahnen An eine Pinnwand wurden selbstverfaßte Werke gehangt, wie die Zeichnung von den zwei roten Socken auf der Wäscheleine, auf denen PDS steht und unten SED heraustropft. „AufgeWAIGELt, SCHNURgerade, in die KOHLrabenschwarze MAIZIERE hinein“, hatte einer gedichtet, „Firma EßELING macht’s möglich, Bezahlung per Nachnahme, aber lieber per PDS mühsam in die Gegenrichtung, aus eigener Kraft.“ Ein andern. „Übrigens – gäbe es den Mielke noch, unsere Partei wäre verboten, und Gysi wurde sitzen.“

Der eigentliche Parteitag fand in der Parteihochschule statt, zu erkennen am Marx-Kopf vor der Tur, oberhalb der Treppe das Riesenpanorama „Kommunistisches Manifest“ von Sitte Unter den 595 Delegieren waren viele junge Leute, wie man sie von früherer. SED-Kongressen kennt ordentlich mit Schlips und Klagen. Dei Parteitag verlief ohne Kontroversen, ein bißchen zähflüssig, so als liegt eine gewisse Lähmung über dem Ganzen Gregor Gysi redete fast drei Stunden, sprach sich gegen eine zu schnelle Vereinnahmung durch die Bundesrepublik aus, gegen ein einiges Deutschland in der Nato. Er schlug vor, in beiden deutschen Staaten die Wehrpflicht abzuschaffen, auch die Bundesrepublik solle ihre Wahlen vorziehen, der Runde Tisch beibehalten werden. Es war eine programmatische Rede, die keinen Aspekt der Gesellschaft ausließ, sich vor allem gegen einen Sozialabbau richtete.