Es gehört zu den schwerverdaulichen Wahrheiten des Lebens, daß das Volk, manchmal abschätzig Stimmvieh genannt, doch etwas äußert, was nicht von der Hand zu weisen ist. „Der Volksmund spricht“, heißt es dann zähneknirschend. Einer dieser Sprüche (den sich im übrigen die – sagenwirmal „zweite“ – Hälfte unseres Volkes noch hinter die Ohren schreiben muß) lautet: „Reich macht nicht glücklich.“

Oh ja, wie wahr. Wer je dünnlippig der Debatte über die auf 9 Prozent! gestiegenen Hypothekenzinsen für baubiologische Eigenheime folgen mußte oder sich, im ersten Februarsonnenschein unschuldig flanierend, konfrontiert sah mit den Fettwulsthüften des gemeinen Passanten (oder auch abends, auf dem nagelneuen Grundig 55-911 mit dem atemberaubenden Porsche-Design, immer und immer nur Talkshow gucken kann), der ahnt, wovon die Rede ist. Nicht ohne Grund erfreuen sich denn auch die Fernreisen einer großen Beliebtheit – kleine (wenn auch teure) Fluchten in jene Regionen, wo die Neger in rührender Nachbarschaftshilfe füreinander noch kostenlos die Hütte flechten und die Sonne – ganz natürlich! – die landwirtschaftliche Produktion so regelt, daß die Körperformen ganzer Stämme aufs Schlankeste abschmelzen. „Arm, aber glücklich“, urteilen wir dann neidisch am Pool in Kenia, wenn der Blick über die Rasensprenganlage zum Kral der Dienstboten schweift. Es blieb unseren Brüdern und Schwestern von der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche vorbehalten, jene bedauerliche Schere zwischen arm-glücklich und reich-traurig – wenn nicht ganz, so doch fast – zu schließen. Die Rede ist von einer Aktion, die wir einzigartig nennen könnten, ginge sie nun nicht schon ins achte Jahr und nähmen daran nicht sageundschreibe zwei Millionen Menschen (eine Zahl, die noch zu erläutern ist) teil: „Sieben Wochen ohne“. Hinrich C.G. Westphal, der Öffentlichkeitspastor dieser modernen Fastenaktion, nennt sie ein „ethisches Phänomen“, ein Urteil, dem unbedingt zuzustimmen ist.

Sieben Wochen ohne das, was uns am Wohlstand immer mal wieder, sagen wir ruhig: aufstößt. Der Pinot Blanc – gestrichen, 49 Abende ohne leckeres Bierchen. Der Zeitgeist speckt ab. Den BMW ab und zu mal im carport lassen. Nicht mehr rauchen (um Gottes willen, nicht nicht rauchen: reduzieren! Zehn Zigaretten/Tag!). Weniger Bratkartoffeln, keine Tortellini in Sahnesoße, und schon kommt die Dritte Welt uns näher: „Da kann es zumindest ein kleines Zeichen von Solidarität sein, einmal am eigenen Leibe auszuprobieren, was der Verzicht an Kräften kostet und an Erfahrungen bringt“, schreibt unser Pfarrer. Also: Fort mit den Ferrero-Küßchen, kein Schoko-Ei, bevor der Osterhase es nicht versteckt hat. Denn am Ostersonntag ist dann auch schon alles vorbei. Und hat sich so gelohnt!

Das Leben sei so reicher geworden, schreiben Tausende. Papa hat wieder mit den Kindern gespielt. Der Blick in den Spiegel: ein Genuß. Auch über die essentiellen Dinge des Lebens habe man mal wieder nachgedacht. Wie schrieb doch Pastor Westphal in seinem Fastenbrief: „Wer bis zum Hals im Schlagrahm sitzt, wird schwerlich die Passion Jesu nachempfinden können.“ Nach sieben Wochen ist jeder ein bißchen Jesus. Reich, aber glücklich. Glücklich wie ein Neger. Ein ethisches Phänomen, und so verbreitet: Zwei Millionen Menschen, läßt Hinrich Westphal fallen.

Mensch, zwei Millionen! Woher er das weiß? Das „Sample-Institut“ in Mölln, wir rufen dort an. Frau Gudrun Schubert ist am Telephon. 1000 Leute habe das Institut zwischen dem 23.2. und dem 1.3.1989 in einer „Mehrthemenumfrage“ befragt. 15 Prozent hätten von der Fastenaktion gewußt und davon wiederum 27 Prozent teilgenommen – macht 27 Prozent von 150 Leuten, als 40 – 40?! Die müsse man dann wieder hochrechnen, wirft Frau Schubert schnell ein, dann gebe das zwei Millionen, auch wenn sie das selber jetzt, so schnell, nicht könne... Also auch ein rechnerisches Phänomen. Susanne Mayer