Berlin Ost und West: Architekten lernen um, helfen sich, warnen vor hektischen Entscheidungen

Wer hätte das schon für möglich gehalten, daß statt der 150 Architekten aus der DDR, die neulich zur hannoverschen Baumesse Constructa erwartet worden waren, an die 2000 herbeistürmten? Wer hätte sich vorstellen können, daß acht junge Ostberliner Architekten, von ihrer Uninformiertheit aufgescheucht, tollkühn (und etwas außerhalb der Legalität) eine Zeitschrift gründen, die Archivolte, ohne Erfahrung, ohne Kapital? Und Nummer 3 in schon fast tausend Exemplaren drucken?

Gerade hat es eine Anzahl Gleichgesinnter offenbar geschafft, den entscheidenden Kongreß des Bundes der Architekten der DDR (BdA) am 30. März zu unterlaufen und zu einer Angelegenheit der gesamten Architektenschaft des Landes umzufunktionieren. Schon um den desavouierten alten Vorstand loszuwerden.

Wem imponierte aber nicht auch, daß es sieben Westberliner Architekten schon am "Tag davor", am 8. November, als dringend erschienen war, die Diskussion hüben und drüben zu aktivieren, vor allem aber, ihren Ost-Kollegen die Möglichkeit zu eröffnen, sich für das bevorstehende, erhoffte, gefürchtete, gänzlich unbekannte Dasein als "freie Architekten" fit zu machen? Sie gründeten die "Ost-West-Plattform für Architektur Berlin e.V.", einen von Anfang an lebendigen kleinen Verein, dem mittlerweile dreißig West- und sechs Ostberliner Architekten angehören und der sich nun auch temperamentvoll in die Bau- und Planungspolitik einmischt.

In ihren Büros haben nicht, wie angenommen, sechzig oder achtzig, sondern gleich viermal soviel Fachgenossen von drüben hospitiert – und dabei mancherlei Überraschungen erfahren, auch erlitten. Sie erfuhren nicht bloß, daß hierzulande "alles ganz anders" funktioniert, daß der Computer viel weniger als Mitentwerfer bemüht wird als bei ihnen; sie zuckten auch zusammen über die zehnmal größere Produktivität ihrer freiberuflich planenden und entwerfenden Kollegen und staunten über die ihnen bis dahin unvorstellbar gewesene Präzision der Entwürfe, den Informationsreichtum der Zeichnungen.

Die Westberliner Architekten springen ihren Ost-Kollegen unterdessen mit Lichtpausgeräten bei, borgen ihnen die aktuellen Zeitschriften des Fachs; jetzt haben sie sogar angefangen, sie in einer Art von Idealkonkurrenz an Entwurfsaufgaben teilnehmen zu lassen – zum Training auf einem ihnen bisher versagt gewesenen Terrain ihres Berufs. Und schon eröffnet die Westberliner Bauverwaltung auch Ostberliner Architekten die Teilnahme an den vierzig Bauwettbewerben der nächsten drei Jahre.

Indessen mischen sich die "Plattform"-Architekten aber auch in die Politik und ihre stadtbedrohlichen Aktivitäten ein. Während das geduldige Training der Ostberliner Architekten in Westberliner Büros weitergeht, wettern sie dagegen, die Zukunft der Stadt voreilig zu verbauen, vor allem auf den verlockenden Brachen im sogenannten zentralen Bereich rings um den Leipziger und Potsdamer Platz, deren Spuren so unheimlich verwischt worden sind: historisches Terrain! Hauptstadtmitte! Anfang der Woche ließen sie leitende Beamte beider Bauverwaltungen über "die Planungen in der Mitte Berlins in den letzten vierzig Jahren" referieren; nach der DDR-Wahl sollen sie erstmals Zukunftserwägungen erörtern.