PARIS. – Wir haben die zerstörten Dörfer in Rumänien gesehen. Auf der Straße nach Buda haben Ceau-şescus Männer die Häuser beerdigt. Wo sich die Bauern wehrten, wurden sie gewaltsam aus ihrem Heim entfernt; ein Bulldozer grub einen Riesengraben und beförderte das ganze Haus hinein – mit allen Möbeln, Kleidern, persönlichen Dingen. Einige Höfe wurden von der Revolution noch halb gerettet: Jetzt stehen sie schräg hinuntergeneigt zum Graben.

Wir treffen jemanden, der sein Heim verloren hat. Immerhin konnte er seine Kuh retten, ebenso seine zwei Kälber und den Stall, in dem er jetzt wohnt. Andere Bauernfamilien wurden in häßliche staatliche Fertigbauwohnungen deportiert, die, fast schon Ruinen, nun verfallen, ohne fließendes Wasser oder funktionierende Heizung. Kinder in Pantoffeln laufen uns im Schnee nach. Das ganze Dorf von Buda ist unter einem künstlichen See versunken.

Die enteigneten Bauern, mit denen wir sprachen, sind zutiefst verzweifelt. Alle fordern die Rückgabe ihres Grund und Bodens – nicht in der Form großer, mehr oder minder staatlicher Genossenschaften, sondern als eigene Felder. Wie anders auch soll das Land demnächst ernährt werden? Die Landwirtschaft hat nicht die Zeit, auf Traktoren, Kredite, Getreide oder im Eilverfahren aus der Taufe gehobene internationale Organisationen zu warten. Mehr als die Hälfte aller Rumänen lebt auf dem Lande. Sie werden nur dann die Arbeit wieder aufnehmen, wenn sie sicher sind, daß sie nicht länger beraubt und verjagt werden.

In dem Ort Cluj, 500 Kilometer von Bukarest entfernt in Transsilvanien gelegen, treffen wir Frau Cornea. Am Abend zuvor hatte sie ihren Rücktritt aus der Front zur nationalen Rettung erklärt. Schon immer hatte sie angekündigt: „Sobald die Wahrheit in Gefahr gerät, trete ich aus.“ Frau Cornea sagt die Wahrheit, jetzt wieder und schon immer, wie Havel in Prag oder Michnik in Warschau. Sie erläutert ihren Schritt: Wie soll denn die Demokratie verwirklicht werden, wenn nicht alles über das gestürzte Regime offengelegt wird, ebenso über die handelnden Personen und die Mittel der Revolution vom 22. Dezember 1989? Heute, so meint sie, kehre die Lüge zurück, das Regime täusche das Volk. Erneut wird versucht, sie zu isolieren. Anonyme Anrufer melden sich mit Drohungen wie einst vor der Revolution. Aber Frau Cornea hat keine Angst. Sie gehört zu den wenigen, die in Rumänien noch über moralische Autorität verfügen, weil sie – im Gegensatz zu so vielen anderen – nie mit dem Regime gemeinsame Sache machte.

Auch die Studenten in Bukarest, mit denen wir sprachen, suchen die Wahrheit. Sie wollen endlich die Geschichte ihres Landes erfahren, die von 43 Jahren kommunistischer Herrschaft zugedeckt wurde. Was geschah wirklich im Zweiten Weltkrieg? Wie war das mit dem rumänischen Faschismus? Wie konnte König Michael damals die den Nazis nahestehende Diktatur stürzen? Wie wurde er dann umgekehrt durch einen stalinistischen Staatsstreich abgelöst?

Die Studenten, die der Front der nationalen Rettung nicht vertrauen, stellen klare, einfache Fragen nach der Demokratie. Sie wollen wissen, welche verschiedenen Wahlverfahren und Regierungsformen es gibt. Sie wollen westliche Verfassungen studieren, westliche Lehrbücher lesen – über das wirkliche Recht, über Zeitgeschichte. Hiermit appellieren wir an die Studenten der Politischen und der Rechtswissenschaft im Westen: Besucht in den Semesterferien eure rumänischen Kommilitonen – und sei es nur ein Wochenende –, diskutiert mit ihnen und bringt eure Lehrbücher mit. Das wäre schon eine gute Tat für die Demokratie!

Dann bitten die Studenten von Bukarest um rasche Hilfslieferungen: um Kugelschreiber, Schreibmaschinen, Tonbänder, Kassetten, Fax- und Vervielfältigungsmaschinen – all das, was in der modernen Welt zur Freiheit nötig ist.