Eine Antwort an die Verächter und die Verteidiger der Gegenwartsliteratur

Von Hubert Winkels

Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Es gibt Lyrik und Prosa auf höchstem Niveau, expressionistischen Furor, dadaistische Verve und klassizistische Formlust im Gedicht, den groß dimensionierten historischen, den intellektuell ausschweifenden experimentierfreudigen Roman, die spannende Erzählung, die genaue Beobachtungsprosa und den zündenden Aphorismus. Und es gibt eine versierte Literaturkritik, ihrem Gegenstand gewachsen und gelegentlich über ihn hinaus. Die Grenzen zwischen Rezension und Essay sind fließend, manches exegetische oder kommentierende Stück emanzipiert sich zum selbständigen Kunstwerk, und manchmal berühren sich im kunstvollen Sprechen die arbeitsteilig organisierten Disziplinen Literatur und Philosophie, Literaturkritik und -Wissenschaft.

Mit einer kardinalen Schwierigkeit allerdings ist heute jeder konfrontiert, der mit literarischen Texten umgeht: Die Geschichte seines Mediums ist so reich an Themen und Motiven, Formen und Argumenten, auch an Widersprüchen und Radikalitäten aller Art, daß die Emphase, Neues zu sagen oder zu entdecken, immer mehr schwindet. Aber vieles spricht dafür, daß die historische Not längst in eine postmoderne Tugend verwandelt wurde und der wilde Poet von einst zum philologischen Bastler, der weltversessene Schreiber zum buchbesessenen Literaten mutiert ist. Auch dem professionellen Kritiker wird es schwerfallen, Entdeckungen zu machen oder Argumente zu bemühen, die nicht schon eine lange Geschichte hinter sich haben.

Zwangsläufig wird so ein seinerseits altehrwürdiger Maßstab der Literaturbetrachtung renoviert: Gut ist eine Literatur dann, wenn sie den Vergleich mit einer vorangegangenen besseren aushält, schlecht, wenn sie lediglich imitiert oder plagiiert. Hat sich dieser Maßstab in der literaturkritischen Arbeit einmal durchgesetzt, schälen sich feste Regeln heraus. Man entdeckt in neuen Büchern alte Formen und Motive und konzentriert sich weitgehend auf die Manier, in der darin Zitate geschmuggelt, Verweise gesetzt, Anspielungen verschleiert werden, auf die Kunst, auszuleihen, umzuschreiben, zu verschieben. Und für ein fröhliches Gelingen solcher Lektüre sorgt die Literatur selbst, indem sie mit immer raffinierteren Mitteln die Preziosen versteckt, die ihre Bewunderer zu entdecken wünschen.

Und wenn ein Text ganz zur Preziose geworden ist, konstruiert nach dem Modell von Anagramm oder Palimpsest, Labyrinth oder Rebus, dann gibt es eine kleine Literaturbetriebsfeier, wie zum Beispiel im Fall von Jochen Beyses "Der Aufklärungsmacher" oder Christoph Ransmayrs "Die letzte Welt". Der Literat dissimuliert und verrätselt, der professionelle Leser tüftelt und entschlüsselt.

Eigentlich ist also alles in Ordnung. Und dennoch macht sich ein Unbehagen breit. Etwas stimmt nicht, etwas ist anders als früher. Eine gewisse Leidenschaft scheint dem schönen Spiel Literatur entzogen, ein Vertrauen auf die eigene Kraft, der Glaube, wesentlich zu dieser Welt zu gehören. Schwer tragt die Literatur am Gewicht der Welt, weil ihr Anteil daran sinkt. Auf diesen Umstand läßt sich ein befremdliches Wechselspiel kritischer Argumente zurückführen, die im vergangenen Herbst zwischen ZEIT und FAZ, zwischen Frank Schirrmacher und Volker Hage, ausgetauscht wurden, ein Spiel von Anklage und Rechtfertigung.