Von Udo Perina

Heimkehrende Kriegsgefangene auf Bahnhöfen und verzweifelte Mütter mit den Photos ihrer vermißten Söhne in der Hand – die Zeit schien denkbar ungünstig für Innovationen auf dem Finanzmarkt. Statt von rentablen Geldanlagen träumte die Mehrheit der Bevölkerung von warmen Winterkleidern und einem Schnitzel.

Dennoch trafen sich Ende 1949 in München die Abgesandten einiger Bankhäuser, gründeten die Allgemeine Deutsche Investment-Gesellschaft Adig und hoben Fondak, den ersten Aktienfonds der Bundesrepublik, aus der Taufe. Wer damals Mut und – woher auch immer – Geld besaß und sich an diesem Fonds beteiligte, kann heute ein gemachter Mann sein: Der Einsatz hat sich mehr als verhundertfacht.

Hinter der frühen Gründung der Aktienfonds standen vor allem die großen Geldsorgen der westdeutschen Industrie. Die Unternehmen verfügten über wenig Eigenkapital, standen aber vor riesigen Investitionen. Zweck der Aktienfonds war es deshalb, die Spargroschen der kleinen Leute für den Kapitalbedarf der privaten Wirtschaft zu mobilisieren.

Das Prinzip ist einfach: Das Geld vieler Sparer wird in einem gemeinsamen Pool gesammelt und dann an der Börse in viele verschiedene Aktien investiert. Für die Anleger bietet das den Vorteil, daß ihr Geld nicht in einem einzigen Unternehmen steckt und allein von dessen Erfolg oder Mißerfolg abhängt – Fachleute nennen das Risikostreuung.

Für Sparer mit Disziplin und langem Atem hat sich die Beteiligung an Aktienfonds ausgezahlt. Kaum eine andere Form der Geldanlage warf in den vergangenen vierzig Jahren höhere Erträge ab. Wer etwa seit 1950 Monat für Monat 200 Mark in den Fondak einzahlen konnte, verfügt heute über die stolze Summe von 1,4 Millionen Mark, selbst eingezahlt wurden nur 96 000 Mark. Das entspricht einer durchschnittlichen Jahresverzinsung von über elf Prozent – und das trotz Börsenflaute in den siebziger Jahren und zwei Börsenkrächen in den Achtzigern. Berufsanfänger, die jetzt einen Aktienfonds-Sparvertrag über monatlich 200 Mark unterzeichnen, haben also durchaus die Chance, als Millionäre in den Ruhestand zu gehen.

Trotz der an sich überzeugenden Idee der kollektiven Geldanlage und trotz der imposanten Erträge kamen die Aktienfonds über einige Anfangserfolge in den Zeiten des Wirtschaftswunders nicht hinaus. Während Bausparverträge, Lebensversicherungen und Banksparkonten eine berauschende Blütezeit erlebten, schrumpft die Bedeutung der Aktienfonds seit zwanzig Jahren bedrohlich. Das von ihnen verwaltete Vermögen verdoppelte sich seit 1969 zwar auf über vierzehn Milliarden Mark. Doch da sich der Wert der Fondsanteile in der gleichen Zeit mehr als vervierfachte, bedeutet der Zuwachs in Wirklichkeit effektive Mittelverluste in Höhe von fünfzig Prozent. Schwer zu schaffen macht den Aktienfonds besonders hausgemachte Konkurrenz: die Rentenfonds. Statt in Aktien investieren diese Fonds das ihnen anvertraute Geld in festverzinsliche Wertpapiere, vor allem in Anleihen der öffentlichen Hand. Ihr Vermögen wuchs seit 1969 von 2,5 Milliarden auf 90 Milliarden Mark an.