Das schwer durchschaubare Lavieren des Kanzlers hatte schon die Zeitgenossen verwirrt

Von Volker Ullrich

Im dritten Jahre des Weltkriegs, 1917, kurz bevor die Mehrheitsparteien des deutschen Reichstages sich zu einer Friedensresolution aufrafften, erschien eine kleine Schrift "Wie das republikanische Frankreich aus dem Krieg von 1870/71 herauskam" von Henri Martinet. Hinter dem französisch klingenden Pseudonym verbarg sich einer der rührigsten Parlamentarier des Kaiserreichs, der Zentrumspolitiker Mathias Erzberger. Natürlich verfolgte dieser mit der historischen Reminiszenz einen aktuellen politischen Zweck: einen Weg aufzuzeigen, wie das Deutsche Reich noch mit einem blauen Auge aus dem Weltkrieg herauskommen könne. Nachdrücklich wandte sich Erzberger gegen die landläufige Ansicht, die militärischen Erfolge im Krieg von 1870/71 hätten gewissermaßen automatisch den Frieden herbeigeführt. In Wirklichkeit sei es nur gelungen, den Krieg zu beenden, weil Bismarck jede sich bietende Friedenschance genutzt habe. Gerade über diesen Aspekt wisse man in Deutschland aber so gut wie nichts.

Daran habe sich – so meint der Kölner Historiker Eberhard Kolb in seinem jüngsten Werk – bis heute kaum etwas geändert. Während über den Ausbruch des deutsch-französischen Krieges seit Jahrzehnten eifrig geforscht und debattiert werde, sei die politische Geschichte des Krieges weitgehend vernachlässigt worden. Dies sei um so erstaunlicher, als es sich hier um "ein außerordentlich spannendes, ja dramatisches Kapitel der neueren europäischen Geschichte" handele. Nun neigen Historiker gewiß dazu, Forschungsdefizite immer ein wenig zu dramatisieren, um ihren eigenen Beitrag in einem um so helleren Licht erstrahlen zu lassen. Doch in diesem Fall ist der nachdrückliche Hinweis auf die bislang unausgeschöpfte historische Relevanz des Gegenstands berechtigt. Sie ergibt sich vor allem aus der Tatsache, daß im Verlauf des Konflikts von 1870/71 eine neue Dimension des Krieges in Erscheinung trat, eine Tendenz zur Totalisierung der Kriegführung, wie sie sich dann im Ersten Weltkrieg vollends durchsetzen sollte. Auf beiden Seiten – in Frankreich wie in den deutschen Staaten – wurden die nationalen Leidenschaften in einem bisher unbekannten Ausmaß aufgewühlt, wurden die durch die Industrialisierung enorm gesteigerten wirtschaftlichen und technischen Ressourcen erstmals in den Dienst der Kriegführung gestellt.

Wie es dennoch gelang, das Gespenst eines guerre à outrance zu bannen und den einmal begonnenen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland doch noch einmal im Stil eines von der Politik kontrollierten "Kabinettskrieges" zu Ende zu bringen, ist das Thema dieses Buches. Es grenzt sich betont ab von einer "strukturanalytischen Geschichtsbetrachtung", die den ereignishaften Abläufen und dem Entscheidungshandeln einzelner Persönlichkeiten bestenfalls eine zweitrangige Rolle im historischen Prozeß zubilligt. Gerade darauf aber legt Kolbs Untersuchung, der Konzeption und Methode einer "politischen Geschichtsschreibung" verpflichtet, besonderes Gewicht. Sie stützt sich auf die systematische Erschließung und Auswertung aller verfügbaren Quellen, und zwar nicht nur aus den Archiven der deutschen Staaten, sondern auch aus denen der damaligen europäischen Großmachte. Besonders bemerkenswert ist, daß Kolb Zugang auch zu den Beständen des russischen Außenministeriums in Moskau erhielt.

Im Zentrum der Untersuchung steht der Kanzler des Norddeutschen Bundes, Otto von Bismarck, was nicht auf einen besonderen Hang des Autors zur Monumentalisierung zurückzuführen ist, sondern der zentralen Rolle entspricht, die Bismarck im Konzert der europäischen Staatsmänner einnahm. In kaum vorstellbarem Ausmaß – so sagt Kolb – habe er in jenen Kriegsmonaten die internationale Politik beherrscht. Zweifellos hat die dominierende politische Position Bismarcks etwas zu tun mit den außerordentlich günstigen Bedingungen, unter denen der Krieg mit Frankreich eröffnet worden war. Bismarck war es gelungen, den französischen Kaiser Napoleon III. in die Rolle des Aggressors zu manövrieren. In Europa war man schockiert über das Vorgehen der französischen Regierung, die Mitte Juli 1870 scheinbar ohne Grund den Krieg vom Zaun gebrochen hatte. Die Sympathien der europäischen Öffentlichkeit lagen so ganz überwiegend beim Norddeutschen Bund und den mit diesem verbündeten süddeutschen Staaten.

Trotz dieser günstigen Ausgangslage war die Lokalisierung des Konflikts keineswegs selbstverständlich, sondern – wie Kolb im ersten Teil seiner Untersuchung zeigt – das Ergebnis vielfältiger Anstrengungen der Bismarckschen Diplomatie in den Wochen nach Kriegsausbruch. Der wohlwollenden Neutralität Rußlands konnte der Kanzler sich aufgrund der freundschaftlichen Beziehungen Preußens zum Zarenreich sicher sein; weniger berechenbar war indes die Haltung Englands. Um das Inselreich von einer Parteinahme zugunsten Frankreichs abzuhalten, griff Bismarck zu einem spektakulären, die Gepflogenheiten der Geheimdiplomatie verletzenden Schritt: Er spielte der Londoner Times ein geheimes Dokument zu, welches zu beweisen schien, daß Napoleon III. eine gewaltsame Annexion Belgiens und Luxemburgs beabsichtigt hatte. Ungewöhnlicher Methoden bediente sich Bismarck auch im Falle Italiens: Hier knüpfte er Kontakte zu Repräsentanten der italienischen Linken, die gegen eine Teilnahme Italiens an der Seite Frankreichs eingestellt waren und den frankophilen Kurs der Regierung bekämpften.