Wenngleich auf den Ausstellungen des „Novecento italiano“ vertreten, seßhaft wurde Osvaldo Licini im Lager der Konservativen nicht. Licini (1894-1958) malte Landschaften und Stilleben von verhaltenem Charme und undogmatischer Strenge. Anfang der dreißiger Jahre begann der hierzulande noch immer wenig bekannte Italiener, den die Ausstellung in Ludwigshafen vorstellt, abstrakt zu malen. Doch auch sein Konstruktivismus folgt keiner reinen Lehre. Und nach etwa zehn Jahren wechselte der Maler wiederum den Ort, um – in freier Manier – von „rebellischen Engeln“ und Geistergestalten belebte Bilder zu entwerfen. Ein Nomade, der seinem Wesen treu blieb. Bei aller Mobilität weist sein Werk keine Brüche auf. Licinis „Signatur“ ist die Linie, die nichts begrenzt – gleich ob sie Mitte der zwanziger Jahre einen Gebirgskamm beschreibt oder in den fünfzigern einen geschwärzten Engel. Sie vergrößert den Bildraum, skizziert ihn als „Weite“ (auch in der konstruktivistischen Zeit). Die Engel sind die Bewohner beziehungsweise Darsteller des weiten Raums: immer außer sich, in universaler Liebessehnsucht. „Amalassunta su fondo nero“ ist eine schweifende Gestalt, die auf der ausgestreckten Hand ein Herz tragt. Wohl eine Anspielung auf eine frühe Erzählung Licinis aus seinen „Racconti di Bruto“. „Und er ging aus mit dem Herz in der Hand“, heißt es da. „Hundertmal streckte er die Hand, um sein Herz zu schenken... Schließlich“, da keiner es wollte, „ging er, um es in eine Latrine zu werfen.“ – „Merda“ schreibt Licini später in einige seiner traumhaft schwerelosen Bilder. Diese ironische „Scheiße“ markiert den Abstand der Realität zum romantischen Traum. (Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, bis zum 18. März; danach in der Hochschule für angewandte Kunst, Heiligenkreuzerhof, Wien; Katalog 30 DM)

Volker Bauermeister