Die Kleptomanie: Suchtkrankheit oder Symptom einer Neurose?

Von Dorion Weickmann

Während sich andere sonnabends noch im Bett räkeln, hastet Helmut H. durch die Innenstadt. Er kauft den Wochenvorrat ein – Lebensmittel, Getränke, Kleinigkeiten für den Haushalt. Nicht daß er ein Single wäre. Doch seine Frau hat Hausverbot in Kaufhäusern, Supermärkten, Boutiquen und im Gemüseladen nebenan. Denn Emmi H. ist kleptomanisch. Auf Streifzügen durch die Glitzerwelt der Konsumtempel hat sie jahrelang zugelangt, ohne zu bezahlen. Hier ein Lippenstift, da ein T-Shirt, im nächsten Laden eine Zahnbürste – in den Schlafzimmerschränken des Ehepaars türmte sich das Warenlager eines Tante-Emma-Lädchens. Trotz Strafanzeigen, Hausverbot, Gerichtsverfahren – dem thrill des Diebstahls konnte Emmi nicht widerstehen.

Solche Delikte ereignen sich täglich. Knapp 350 000 Ladendiebstähle wurden im Jahr 1988 registriert. Wie viele davon auf das Konto von Kleptomanen gehen, weiß niemand. Allenfalls bei Gerichtsverfahren, so die Hannoveraner Psychologin Adelheid Kühne, werde festgestellt, daß der Delinquent nicht einfach ein Gelegenheitsdieb, sondern ein zwanghafter Wiederholungstäter sei.

350 000 Ladendiebstähle jährlich

Aus Scham und Angst vor Bestrafung schweigen die Betroffenen. Kleptomanen geben sich selten zu erkennen. Allenfalls wenn der Leidensdruck zu groß wird, wenn Angehörige rebellieren, ein Gerichtsverfahren droht, entschließt sich mancher für den Gang zum Therapeuten.

Wo die Tabus groß sind, wuchert die Spekulation: Frauen, so bedeuten uns Boulevardblätter immer wieder, griffen am häufigsten zu. Lustgefühle bis zum Orgasmus werden journalistisch phantasiert. Adelheid Kühne hingegen hat festgestellt, daß Kleptomanie Frauen nicht häufiger betreffe als Männer, und von orgastischen Gefühlen wisse die seriöse Forschung nichts. Aber: "Die Mär von den klauenden Frauen paßt so schön zu den Vorstellungen von weiblicher Luxussucht."