Von Jürgen Krönig

London, Ende Februar

Furchtlos und unbeirrbar in einer Welt voller wankelmütiger und ängstlicher Opportunisten, die sich nicht trauen, die Dinge beim Namen zu nennen – so scheint Margaret Thatcher derzeit ihre Rolle zu sehen. Maggie gegen den Rest der Welt, was Südafrika, Europa oder die Vereinigung der Deutschen betrifft – die britische Premierministerin hat das noch nie gestört. Sie wähnt sich stets auch im Besitz der Wahrheit; isoliert sei sie nur nach außen hin, erklärte sie gerade jetzt, die anderen politischen Führer "verstecken sich nur hinter meinem Rock". Ja, sie glaubt gar auszumachen, daß "die anderen" mittlerweile die britische Führungsrolle in Sachen Deutschland akzeptiert hätten.

Überzeugungspolitiker wie Margaret Thatcher haben es in einer Zeit dramatischer Umwälzungen besonders schwer, in der nicht nur die europäische Nachkriegsordnung wegbricht, sondern auch die Ideologien in Frage gestellt werden, die diese Ordnung stützten. Die Schockwellen der Revolution in Osteuropa haben längst auch die britische Insel erreicht und verlangen von der Mittelmacht Großbritannien Einfallsreichtum und neue Konzepte. Doch Margaret Thatcher verharrt auf dem vertrauten Erfolgsrezept.

Lange Zeit beschränkte sich der Beitrag der Londoner Regierungschefin darauf, die Vorzüge des Status quo zu preisen und Wachsamkeit und unverändert hohe Verteidigungsanstrengungen zu verlangen. Als diese Mahnungen von Washington bis Moskau zunehmend auf taube Ohren stießen und Geschwindigkeit und Umfang der Abrüstungsvorschläge nur noch zunahmen, schien Margaret Thatcher zuletzt nur noch darum bemüht, die Wiederherstellung der deutschen Einheit wenn nicht zu verhindern, so doch solange wie möglich hinauszuzögern. Ihre öffentlichen Äußerungen zur deutschen Frage, in denen sie die Worte "Wiedervereinigung" oder "nationale Einheit" lange Zeit nicht in den Mund nahm, wurden von Bonner Diplomaten und Regierungsmitgliedern geradezu als "feindselig" gewertet.

In der ihr eigenen freimütigen Art hatte Margaret Thatcher der Welt und vor allem den Deutschen folgendes mitgeteilt: Die Wiedervereinigung ist eine schlechte Sache; wenn sie aber unvermeidbar ist, soll sie solange wie möglich aufgeschoben werden; zugleich müßten die Deutschen gefälligst die Sorgen und Interessen ihrer Nachbarn und Bündnispartner berücksichtigen, denen sie noch etwas schuldeten. Im übrigen, und dieser Punkt wurde bei jeder sich bietenden Gelegenheit demonstrativ unterstrichen, gebe es da noch die Verantwortung der vier Siegermächte für Berlin und Deutschland als Ganzes. Im kleineren Kreis wurde sie noch deutlicher; da erklärte sie offen, sie werde alles tun, um die deutsche Einheit zu verhindern. Minister verglichen Kabinettsdiskussionen über Deutschland mit Stammtischgesprächen in ländlichen Pubs.

Verdient Margaret Thatcher für diese Offenheit Lob? Wäre es der Premierministerin nur darum gegangen, den Prozeß hin zur Einheit zu ordnen und unter der Kontrolle der Politik zu halten, hätte niemand daran Anstoß genommen. Gibt es doch nur wenige, die angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich Geschichte vollzieht, nicht ein Unbehagen beschlichen hat. So aber mußte Timothy Garton Ash, der Kolumnist des Independent, berichten, daß er bei seinen Gesprächen in Ost- und Westdeutschland nur einen Deutschen getroffen habe, der sich durch Margaret Thatchers "negative, wenn nicht sogar aktiv obstruktive Haltung" nicht verletzt fühle, nämlich Egon Krenz.