Das ist ein mutiges Buch; und ein auf vergnügliche Weise gelungenes. Mutig, weil der Ozean an Sekundärliteratur zu den drei Geistes-Heroen – Thomas Mann, Bertolt Brecht, Franz Kafka – nicht mehr auszuschöpfen ist (wer wagt sich schon daran, dieser unendlichen Flut neue Tröpfchen hinzuzufügen – und wer, eigentlich, will ein anderes Mal etwas über diese Schriftsteller lesen?); gelungen deswegen, weil Reinhard Baumgart souverän über eben diese Seminaristen-Bibliotheken hinwegschreibt, vieles gewiß kennt, aber kaum etwas "benutzt"; und vergnüglich, weil Baumgart sein eigenes Vernügen des Lesens offenlegt.

Es ist der ganz persönliche, unorthodoxe Umgang mit Literatur, der hier demonstriert wird. Baumgart sagt mit jeder Zeile: So habe ich das gelesen – prüfen Sie mal, ob das von vielen möglichen ein Zugang zum Werk ist. Nicht zufällig fällt gleich zu Beginn seiner "Gebrauchsanweisung" das Wort "erzählen": "Ausgehend jeweils von einem kritischen Jahrzehnt ihrer schriftstellerischen Laufbahn, begann ich zu erzählen, gegen welche Widerstände, auf welchen Wegen und Umwegen, mit welcher gewaltsamen Reduktion ursprünglicher Möglichkeiten sich Brecht, mit welcher sorgfältig gesteuerten Implosion einer einzigen intensiven Grunderfahrung sich Mann zu Klassikern der Moderne hochgeschrieben hatten, und warum Krise für Kafka mehr als eine Entwicklungsbedingung, etwa für sein virtuos gehemmtes Schreiben, sondern eine Lebensbedingung bleiben mußte."

Das ist die Haltung des Buches. Da erzählt einer, was Bücher mit ihm tun. Ein so riskantes wie offenes Verfahren; das nicht nötig hat, "Kriterien offenzulegen" oder "Erkenntnisinteresse zu definieren". Das auch Lichtjahre weit weg ist von Rezensenten-Platitüden à la "ein hervorragender Roman" oder "also gescheitert". Insofern riskant, weil Baumgart nirgendwo behauptet, sein Begreifen des Entstehens vieler Prosa-Arbeiten von Thomas Mann – Schreibdruck aus Triebdruck – sei eine These. Die wäre natürlich bestreitbar, gar widerlegbar. Es sind mehr testende Fragefiguren, mit denen Baumgart sich einem Œuvre nähert, bestimmte Linien nachzeichnet, auf die seine Empfindlichkeit reagiert.

Die nämlich ist auf schöne Weise offensichtlich. Der beste Lackmus-Test dafür ist die Sprache dieser drei Essays – in jedem deutlich voneinander zu unterscheiden. Baumgart äfft nicht nach, aber er hat sich (unbewußt?) Eindrücken geöffnet; ein Prinzip der passiven Produktivität. Nur Thomas-Mann-Lektüre kann einen solchen Satz über dessen weibliche Lock- und Drohwesen verantworten: "Denn die Kühle und Genauigkeit, mit der Thomas Mann seine frühen Frauenbilder ausführt, diese Nähe zu glatter, unpersönlicher Salonmalerei täuscht. Genauer: sie ist doppel- oder dreideutig, sie verdeckt etwas. Andacht hat an diesen Frauenporträts gearbeitet, aber auch Schrecken, aber auch Befremdung, ja Spott –, das alles andeutend, zart, kühl, gehaucht, wie in mehreren Schichten übereinander gemalt. Frauen wie Pflanzen, Schlingpflanzen, wie schöne, üppige Einrichtungsgegenstände ..."

Diese Stimmgabel-Reaktion läßt ähnliche Formulierungen im Brecht-Essay nicht zu; da schreibt Baumgart knapper, kühler – vielleicht weniger "bewegt"? Brechts Kopf-Kälte – deren Interpretation als Kälte-Schutz einer Herzneurose durch Pietzker Baumgart durchaus kennt – läßt ihn eher über Diderots "Rameaus Neffe" und dessen Analyse durch Hegel reflektieren, um Brechts "Spielgewinn" – auch Falschspiel – vorzuführen: "Diderot schrieb seine Figur aus Anschauung, Brecht arbeitet an einer These."

Die Angreifbarkeit dieser Methode ist evident; sie erspart sich das Klären von Begriffen. Wenn Baumgart beispielsweise ins Zentrum seiner Betrachtungen eines Unkonventionellen den Begriff des Kanonischen rückt, so erfährt der Leser an keiner Stelle, was das eigentlich sei. Dafür erfährt er etwas Wichtigeres.