Von Henry Thorau

Dieses Land oder diese Frau gehören uns, andernfalls haben wir lieber gar nichts“, sagt Siö Oceano und erschießt den Geschäftsführer der Industrie- und Handelsbank, der es gewagt hatte, mit seiner Frau zu tanzen.

Sie müssen wissen, Siö Oceano ist nicht irgend jemand. Er ist der Präfekt der Stadt Parada de Deus, was soviel heißt wie „Gottes Rast“, und wem sein Leben lieb ist, der hält besser den Mund, sonst landet er auf dem Gottesacker, wie Parada de Deus besser heißen sollte, also in der Lagune, auf deren Grund Siö Oceanos „gesammelte Werke“ ruhen.

Dieser selbsternannte Hauptmann, Oberhaupt des Familienclans der Moura Alves, dieser kleine Gott und Teufel im Land der Sonne, verlangt bereits in der Hochzeitsnacht seiner Frau das Geständnis des Ehebruchs ab: „Sag mir seinen Namen, und ich töte ihn...“

So lautet auch der deutsche Titel von Maria Alice Barrosos brasilianischem Roman „Um nome para matar“, 1967 erstveröffentlicht, im gleichen Jahr wie García Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“. Erst jetzt, nach über zwanzig Jahren, ist das Buch auch bei uns erschienen.

Wenn Chico der Bauer im schwarzen Umhang und mit tief in die Stirn geschobenem Hut aus dem Nichts über die Steppe galoppiert, auf ein Zeichen Gottes vom Pferd springt und eine Stadt gründet, denken Sie vielleicht: schon wieder eine Saga, die bilderreich die Schöpfungsgeschichte einer Stadt erzählt, vom Aufstieg und Fall einer Familie berichtet, vom baumstarken Urgroßvater bis zu den dekadenten Urenkeln, die sie herunterwirtschaften, wenn nicht die Revolution und so weiter... „Der wahren Helden wird nie gedacht, es sei denn in der Literatur“, hat Jorge Amado einmal gesagt.

Diese wahren Helden sind bei Amado, Guimarães Rosa, García Márquez natürlich männlichen Geschlechts, jagunços aus dem Grande Sertäo, die wild um sich fabulieren, schwadronierende sorgenlos, die ohne Punkt und Komma prahlen, wie oft und auf welche Weise sie Länder und Frauen nehmen. Und die Autoren machen mit, distanzlos und süffig oder magisch realistisch, auf jeden Fall aus der Perspektive des lateinamerikanischen Machos, der, bei allem politischen Anspruch, sich selbst und die patriarchalische Gesellschaft nicht in Frage stellt.