Ich habe von der Existenz des Konzentrationslagers in der Nähe Hamburgs Anfang 1939 erfahren, sie sprach sich rasch herum in „unseren Kreisen“.

Ich konnte die Berichte der Überlebenden aus dem KZ Neuengamme ohne Unterbrechungen nicht lesen. Die Individualisierung, die Personifizierung des Leidens, die Genauigkeit, man möchte sagen: die Pünktlichkeit, mit der der unvorstellbare KZ-Alltag sozusagen genormt wird, Erinnerungen, die bis ans jeweilige Lebensende bewahrt bleiben werden – das ist nahezu unerträglich.

Und doch gibt es keine wichtigeren, keine notwendigeren Einblicke als diese, für alle, besonders jedoch für die Nachgeborenen, die Jungen und Jüngeren, denen die fast kollektive Schuldabweisung der Eltern und Großeltern die historische und politische Klarsicht verstellt hat.

Was ganz nach vorn tritt, gleich nach den ersten Reaktionen auf die Neuengammer Realität, das ist der Typus des Aufsehers, ist die Psychologie der Entmenschung, die hinter der Praxis steht. Der schauerlichste Gedanke dabei: Die sind keineswegs ausgesucht, keineswegs handverlesen, die sind „ansonsten“ ganz normal. In diesem Deutschland von damals müssen die Peinigungsbereiten, die Tötungsdisponierten in Massen vorhanden gewesen sein, auf Grund eines Verlustes an humaner Orientierung, der wie exemplarisch für wie breite Bevölkerungsschichten war?

Hier gilt es anzuhalten, die Hintergründe für „Neuengamme“ und alles, was dieser Name symbolisiert, auszuforschen. Denn die Fähigkeit, Menschen in einem organisierten System der Ausbeutung und der Vernichtung durch Arbeit noch zusätzlich zu quälen, kann nicht das Werk einer kurzen Periode sein. So etwas reicht tief zurück in die nationale Historie.

Über das Ideelle, das Theoretische, genauer das Ungeistig-Ideologische, den Überbau des NS-Systems hinaus, darf nicht vergessen werden, welche gewaltigen materiellen Antriebe sowohl hinter der „Machtergreifung“ durch den Nationalsozialismus als auch hinter dem gesamten KZ-Komplex standen.

Ohne die Zuwendung der großindustriellen und finanzkapitalistischen Förderer zu Hitler und seiner „Bewegung“ noch während der Weimarer Republik, besonders im Jahre 1932, hätte es kein 1933 gegeben.