Bonns Auftrumpfen weckt bei den europäischen Nachbarn Ängste

Von Roger de Weck

Zwei Wochen vor den Wahlen in der DDR ist Deutschland so sehr mit sich selber beschäftigt, daß es wenig Einfühlungsvermögen und Verständnis für die ausländischen Partner aufbringt. Es gilt zumindest in Bonn als eine fast schon ausgemachte Sache, daß die Siegermächte und die übrigen Europäer ohne viel Wenn und Aber gutheißen werden, was die Deutschen beschließen. Die siegessichere Art und Weise, wie manche Politiker der Rechten und der Linken nationalstolz auftreten, ja auftrumpfen, zeugt nicht von Fingerspitzengefühl. Warum muß Selbstbewußtsein gleich in Überheblichkeit ausarten? Der neue deutsche Triumphalismus erweckt alte Ängste. Noch bevor sich die zwei deutschen Staaten vereinigt haben, bestärken manche Bonner Strategen die Vorurteile und Vorahnungen des Auslands.

Wie lassen sich die ernst zu nehmenden Bedenken der Nachbarn zerstreuen? Im langen Streit um ein klärendes Wort zur polnischen Westgrenze hat sich Helmut Kohl stark genug gefühlt, außenpolitisches Vertrauen zu verspielen. Das ist kein gutes Omen. Den Europäern wurde so suggeriert, daß das vereinigte Deutschland stets versucht sein werde, lieber seine Macht auszuspielen, anstatt auf Partnerschaft und Interessenausgleich zu setzen.

In seiner ganzen Geschichte hat Deutschland immer wieder seine Macht überschätzt und für seine Alleingänge büßen müssen. Der Kanzler war in letzter Zeit kein sonderlich guter Europäer: Im Alleingang, ohne Konsultation der engsten Freunde, verkündete Kohl seinen (durchaus vernünftigen) Zehn-Punkte-Plan. Im Alleingang, ohne mit den künftigen Partnern der Europäischen Währungsunion wirklich Rücksprache zu halten, bot er der DDR die deutsch-deutsche Währungsunion an. Trotz aller ehrlich gemeinten Bekenntnisse zur Europäischen Gemeinschaft nährte er den Verdacht, daß ihm die deutsche Einheit mehr wert ist als die europäische Einigung.

Auf den ersten Blick scheint es logisch, erst die deutsche Frage zu lösen, um sich dann wieder im alten Trott der europäischen Frage zuzuwenden. In der DDR überstürzen sich die Ereignisse; die EG geht unterdessen ihren im Vergleich viel gemächlicheren Gang. Freilich ist die Wiedervereinigung eine gesamteuropäische Herausforderung und nicht bloß ein nationales Unterfangen.

Was würde aus dem vereinigten Deutschland, wenn es sich nicht in eine starke, supranationale Europäische Gemeinschaft einfügte? Es entstünde eine gefährlich freischwebende, angsteinflößende Macht. Die Nachbarn wären abermals genötigt, sich gegen die Deutschen zu verbünden. Wie in schlechten alten Zeiten ersehnt sich jetzt schon Margaret Thatcher eine Entente cordiale mit François Mitterrand, um Deutschland "einzudämmen"; britische Kommentatoren malen gar eine neue Allianz mit Rußland an die Wand.