Der Rückgang in der Statistik entspricht nicht der Wirklichkeit

Von Dirk Kurbjuweit

Hans Thielemann* aus Hamburg führt ein Leben wie in Zeitlupe. Was er macht, das macht er langsam. Jede Hast bedeutet Zeitgewinn, und Hans Thielemann will Zeit verlieren. Seine Einkäufe dehnt er aus, soweit es geht. Jeder Griff ins Regal ist wohlüberlegt, den Wagen schiebt er bedächtig durch die Gänge. Wenn möglich, sucht Hans Thielemann das Gespräch mit Verkäuferinnen oder Kunden. Eine Zeitung muß reichen für eine Stunde, fast täglich geht der hagere Mann ausgiebig spazieren und sitzt lange in Bibliotheken. "Die Lücken im Tagesablauf dürfen nicht zu groß werden", sagt Hans Thielemann, "sonst packst du es nicht." Jeden Donnerstagmorgen ist Arbeitslosenfrühstück in der Bachstraße. Thielemann kommt zeitig und hilft nachher noch beim Abwasch; gründlich wienert er jeden Teller.

Dieses Leben in Langsamkeit exerziert der 45jährige Betriebswirt nun seit fast drei Jahren. So lange hat er keinen festen Job. Zwar ist Thielemann gut qualifiziert, aber seine schwachen Nerven brauchen mehr Geduld, als Arbeitgeber haben. In den Bibliotheken liest er viel in den Wirtschaftsblättern Capital oder Wirtschaftswoche. Die Konjunktur "prosperiert dermaßen", sagt er, "aber mir nützt das überhaupt nichts".

Der Boom geht an einem Teil der Gesellschaft vorbei: den Langzeitarbeitslosen. 591 000 Männer und Frauen haben nach der jüngsten Erhebung vom September 1989 seit mehr als zwölf Monaten keinen Job. Die Hälfte derjenigen, die sich im Laufe eines Jahres arbeitslos melden, kommt durchschnittlich schon nach 1,8 Monaten wieder unter, eine für die Betroffenen unangenehme, aber nicht bedrohliche Zeitspanne. Doch wenn die Jobsuche mehr als ein Jahr dauert, werden die Probleme zur unerträglichen Last. "Langzeitarbeitslosigkeit ist wie Haft, mit all den Deformationen, die damit verbunden sind", sagt Olaf Sund, Präsident des Landesarbeitsamts Nordrhein-Westfalen.

Zwar hat der Aufschwung in den vergangenen sieben Jahren 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen und die Arbeitlosenquote vom Höchststand 9,3 Prozent im Jahr 1985 auf 7,1 Prozent im vergangenen Jahr gedrückt. Doch bleibt eine Gruppe von Menschen, die nie an der Reihe ist, weil sich immer wieder Neuankömmlinge auf dem Arbeitsmarkt vor sie in die Schlange stellen. Das sind zum Beispiel Übersiedler aus der DDR, von denen zumindest der erste Schub jung, gut qualifiziert und leistungsbereit war. Von den Arbeitgebern wurden sie lieber eingestellt als Dauerarbeitslose. Das schürt Unzufriedenheit: "Der Neid ist da und auch der Haß", hat Christine Reining, Leiterin des Arbeitslosenzentrums in Essen, festgestellt. Hermann-Josef Arentz, Vorsitzender des Bundesfachausschusses Sozialpolitik der CDU, sieht ein "riesiges soziales Unruhepotential".

Allerdings ist dieses Potential angeblich nicht mehr so groß wie 1988, als 685 000 Langzeitarbeitslose registriert waren. Bei Bekanntgabe der neuen Zahl Mitte Februar dieses Jahres frohlockte die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit denn auch, daß der Boom nun doch noch einen Teil der Dauerarbeitslosen erreicht habe; zudem zeige ein Beschäftigungsprogramm der Bundesregierung Wirkung.