DDR-Wirtschaft zwischen Plan und Markt – das Beispiel Schwerin

Von Nikolaus Piper

Am Grenzübergang Mustin hinter Ratzeburg, genau dort, wo Schleswig-Holstein aufhört und Mecklenburg beginnt, hat die CDU ein handgemaltes Plakat aufhängen lassen: "Wessies seid doch fair: laßt die Waren für die DDR".

Noch nicht einmal vier Monate ist es her, da war an dieser Stelle die Welt zu Ende; heute ist Mustin ein vieldurchfahrener Ort an der Landstraße zwischen Ratzeburg und Schwerin, so als sei dies immer so gewesen. Zu Tausenden passieren an den Wochenenden Ausflügler aus der Bundesrepublik den einstigen Todesstreifen, und nicht alle können der Versuchung widerstehen, den günstigen Umtauschkurs zu nutzen und für ein paar Mark-West Gaststätten und HO-Läden in der DDR leerzukaufen.

Früher verlief zwischen Mustin und dem mecklenburgischen Roggendorf auch die Grenze zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Heute hört der Kapitalismus zwar noch immer am Ortsausgang von Mustin auf – aber was beginnt in Roggendorf? Planwirtschaft ist es nicht mehr, Marktwirtschaft noch nicht, ein Niemandsland zwischen den Systemen. Eine Studie des Hamburger HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung kennzeichnet den Zustand als "asymmetrische Teilintegration beider deutscher Staaten", die einen "unabweisbaren Handlungsbedarf" bedinge, aber auch "einzigartige Chancen" biete. Dieter Irion, ein Hamburger Unternehmensberater, bezeichnet die DDR einfach als Deutschlands "Wilden Osten". Nicht nur die Ratzeburger CDU glaubt, daß man die Menschen in diesem Osten vor den schlechten Manieren ihrer reichen Brüder im Westen schützen muß, und wenn dies nur durch holprige Verse geschieht.

Schwerin, fünfzig Kilometer hinter der Grenze, Bezirkshauptstadt mit etwa 120 000 Einwohnern, einem mittelalterlichen Dom, einem großherzoglichen Schloß und einer für DDR-Verhältnisse gut erhaltenen Altstadt, ist nicht nur ein beliebtes Ziel für Ausflügler; auch Geschäftsleute aller Art aus dem kapitalistischen Deutschland geben sich hier seit ein paar Wochen die Klinke in die Hand. Denn die designierte Hauptstadt des Landes Mecklenburg-Vorpommern hat sich mit besonderem Eifer dem Übergang zur Marktwirtschaft verschrieben. Anfang Februar wurde hier ein Unternehmensverband Norddeutschland gegründet, der sich der Interessen von 13 000 Handwerkern und kleinen Selbständigen im Norden der DDR annehmen will. Eckart van Hooven, Spezialist für Norddeutschland im Vorstand der Deutschen Bank, und der Hamburger FDP-Vorsitzende und Immobilienmakler Robert Vogel waren bei der Gründung mit dabei. Auch eine Industrie- und Handelskammer Schwerin gibt es bereits – gegründet mit tatkräftiger Unterstützung der IHK Lübeck. Beim Rat des Bezirkes in der Karl-Marx-Allee residiert ein Kooperationsbüro Schleswig-Holstein, und demnächst soll, unterstützt von der Landesregierung in Kiel, ein "Schleswig-Holstein-Haus" entstehen.

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