Oberammergau

Dem patriarchalen Schalten und Walten der dörflichen Honoratioren in Oberammergau verpaßte der 4. Senat des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs am Tag der Weiberfastnacht einen kräftigen Dämpfer.

Dreifach hat der Gemeinderat mit seiner Satzung für die weltberühmten Oberammergauer Passionsspiele gegen des Grundgesetz verstoßen. Die Vorschrift, nur ledige Frauen unter 35 Jahren beim „frommen Akt zu Ehren Christi“ auf die Bühne zu lassen, widerspreche dem Schutz der Ehe und der Gleichberechtigung; auch die Weigerung des Gemeinderates, Frauen in das Festspielkomitee aufzunehmen, so befand Richter Johannes Wittmann, erfülle den Tatbestand der „Diskriminierung“. Betreten nahm der Bürgermeister Klement Fend das Urteil entgegen, während die Klägerinnen Monika Lang, 42, Anneliese Zunterer, 51, und Hella Wolf-Lang, 69 Jahre alt, mit Blumen überschüttet, in Jubel ausbrachen.

Alle zehn Jahre bereitet das bayerische Alpendorf Oberammergau ein Jahr lang das größte Theaterstück der Welt vor: „Die Tragödie vom Leiden und Sterben Jesu Christi“. So will es ein Gott gegebenes Versprechen von 1633 zur Rettung vor der Pest, die damals in Europa wütete.

Beim letzten Mal flossen über 120 Millionen Mark in die Dorfkassen. Aber unter dieser Idylle von Gelübde und Geschäft waltet seit langem unchristliche Streitlust. Nicht nur in der Frauenfrage, auch mit ihren Zwistigkeiten um Bühnenbilder, Musik- und Textgestaltung machen die Oberammergauer regelmäßig Schlagzeilen.

Drei Anläufe vor bayerischen Gerichten waren nötig, um den „Jungfernerlaß“ zu Fall zu bringen. Schon 1978 und 1983 war Monika Lang mit ihrem Zweifel vor Gericht gezogen, „ob in dem Handel mit dem Herrgott vor über 350 Jahren der Ausschluß der Oberammergauerinnen so besiegelt worden ist“. Die Richter befanden: Bei den Passionsspielen handele es sich nur um volkstümliche Traditionen, nicht aber um Rechtsvorschriften.

Ohne sich um die Proteste seiner Geschlechtsgenossen zu kümmern, besetzte dann der 28jährige Spielleiter Christian Stückl voriges Jahr den Part der Gottesmutter Maria mit der verheirateten 37jährigen Elisabeth Petre. „Das ist eine Schande“, ereiferte sich mancher im Wirtshaus. Bürgermeister Klement Fend trieb seine Gemeinderatsbrüder dazu an, den Abtrünnigen wieder abzuwählen. Doch Stückl blieb ruhig. Auch die Drohung seiner Hauptdarsteller mit Rücktritt, „lieber keine Spiele als solche“, verpuffte, denn zu lukrativ ist die Gage von 40 000 Mark.