Können gute Genossen keine guten Bankiers sein? Kleine und größere Affären im Bereich der Volks- und Raiffeisenbanken haben diese Frage in den vergangenen Jahren immer wieder aufgeworfen. Als positives Gegenbeispiel galt Helmut Guthardt, Vorstandsvorsitzender der DG Bank. Mit unkonventionellen Methoden hatte er das Spitzeninstitut der Genossenschaftsbanken in berauschendem Tempo zu einer auch international erfolgreichen Großbank aufgebaut. Doch jetzt droht alles zusammenzubrechen. Spekulationsverluste von 500 Millionen Mark stehen ins Haus und die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen schmutziger Geschäfte. Vieles spricht dafür, daß sich in der Bundesrepublik nach der Herstatt-Pleite und dem VW-Devisenspektakel ein neuer großer Wirtschaftsskandal anbahnt.

Es begann damit, daß ein Wirtschaftsprüfer offenbar unsaubere Geschäfte zwischen der DG Bank und der – ebenfalls genossenschaftlichen – Bausparkasse Schwäbisch Hall aufdeckte. Auf beiden Seiten wurden die verantwortlichen Bereichsleiter fristlos gefeuert. Schon diese Vorgänge wären Grund genug darüber nachzudenken, wie es möglich ist, daß Mitarbeiter auf fragwürdige Weise Riesensummen verschieben können, ohne daß dies von Vorgesetzten oder Kollegen bemerkt wird.

Doch Friedrich Steil, der entlassene DG-Bank-Finanzjongleur, hatte nicht nur mit den schwäbischen Bauspargenossen gepokert, sondern auch mit internationalen Mitspielern. Die sahen nach dem Rausschmiß ihres Partners jetzt die Felle davonschwimmen und schlugen Alarm. Mehrere französische Banken, darunter die Banque Nationale de Paris, verlangen von der DG Bank die Einlösung milliardenschwerer „Gegengeschäfte“. Sie berufen sich auf mündliche Absprachen über den Rückkauf von Wertpapieren. Doch die DG Bank will jetzt nichts davon gewußt haben und schiebt die Schuld auf Friedrich Steil, der seine Kompetenzen übertreten habe.

Auch eine schriftliche Erklärung der DG-Bank-Wertpapierabteilung, wonach sie sich verpflichtet, auf Termin verkaufte Wertpapiere bei Fälligkeit zurückzunehmen, gelte nicht. Wie Guthardt am Faschingsdienstag erklärte, hätten sich die französischen Banken bisher nie auf dieses Schreiben berufen. Dennoch werden die Chancen der DG Bank im „Finanzkrieg“ (Guthardt) mit den Franzosen als gering eingschätzt. In Frankfurter Justizkreisen, so meldet die Deutsche Presseagentur, gehe man davon aus, daß sich die DG Bank ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber den französischen Partnern nicht entziehen könne. Mindestens ebenso schwer wie der drohende finanzielle Verlust wiegt das ruinierte Image. Ein Bankier, auf dessen Wort man sich nicht verlassen kann, gilt nichts, vor allem im Ausland. Gerade dort hatte Helmut Guthardt jedoch noch viel vor. Seine mühsame Aufbauarbeit wird um Jahre zurückgeworfen. Auszubaden haben das neben der DG Bank auch die anderen genossenschaftlichen Institute, etwa die Volks- und Raiffeisenbanken. Die DG Bank war ihre Speerspitze beim Kampf um den europäischen Binnenmarkt.

Ein Trost jedoch bleibt den Genossen: In den vergangenen Jahren hat Guthardt sich als entschlossener Sanierer von ins Strudeln geratenen Genossenschaftbanken erwiesen. Sein größter Coup auf diesem Sektor war die Raiffeisenzentralbank in München. Möglicherweise ist jetzt das eigene Haus an der Reihe. per