Frankreich hat sich eine Frau zur Präsidentin gewählt. Nach England, Island, Finnland, Pakistan und den Philippinen hat auch das Land der gallischen Machos die Zeichen der Gegenwart begriffen. Die neue, erste Frau im Staate hat bereits einige ungewöhnliche Maßnahmen angekündigt: Sie will ein Ministerium für „Neue Ideen, Perspektiven und Lösungen“ schaffen mit dem bisherigen Mitterrand-Berater Jacques Attali an der Spitze. Als Premierminister faßt sie einen klugen Kopf ins Auge, der bis dato eher als Humorist und Geschichtenerzähler aufgefallen ist: Raymond Devos. Ihr politisches Profil? Sie ist, anders als die Mehrheit ihrer Landsleute, gegen die Todesstrafe, für ein starkes Europa und gegen die französische Nabelschau; die Legalisierung von Drogen erscheint ihr kein geeignetes Mittel, das Elend zu bekämpfen; den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit will sie rigoroser führen.

Eine Frau an Frankreichs Spitze? Wir schreiben das Jahr 1995, und dieses Datum – Termin für die nächste Präsidentenwahl – ist das einzig Konkrete an der schönen Utopie. Sie entsteigt direkt dem Buch „Pour moi c’est elle“ von Thierry Crosson, einer Sammlung von Portrait-Interviews mit real existierenden Frauen in einflußreichen Positionen. Am Schluß seiner Interviews stellt der Autor jeweils die Frage, welches Ministerium – wenn aufgefordert – sie sich wählen und welchen Ministerpräsidenten – wenn selber Präsidentin – sie sich suchen würden. Die Bestandteile der oben beschriebenen Puzzle-Präsidentin: Den Humoristen wünscht sich die Fernsehjournalistin Christine Ockrent; ein neues Ministerium für ebensolche Ideen möchte Annie Poussielgues, Leiterin einer großen Werbeagentur; die „Nabelschau“ der Franzosen geißelt Simone Veil; der (Jugend-)Arbeitslosigkeit würde sich Catherine Trautman widmen, seit rund einem Jahr Bürgermeisterin von Straßburg.

Eine wirklich hübsche Utopie also, doch sie kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem Frankreichs Frauen in der Politik nicht allzuviel Muskeln zeigen dürfen, ausgenommen vielleicht, als Drahtzieherin hinter den Kulissen, die Beraterin von Präsident Mitterrand für Europafragen, Elisabeth Guigou. Nur zwei Ministerinnen zählt das Kabinett Michel Rocard, und beide sind sie einem Superminister unterstellt: Edith Cresson, verantwortlich für europäische Beziehungen im Außenministerium, Catherine Tasca, Ministerin für Kommunikation, unter Jack Lang.

Gerade erst wurde Michèle Barzach, ehemalige Gesundheitsministerin in der Zeit der cohabitation unter Chirac, aus der Führungsriege der Gaullisten verstoßen. Einer Frau, die ihre Karriere einem Mann verdankt – so sagt er es, Jacques Chirac –, die nach den letzten Kommunalwahlen von ihm zu seiner Stellvertreterin für kulturelle Fragen gekürt wurde und zur Bürgermeisterin des 15. Arrondissements, hat man nicht verziehen, daß sie sich emanzipiert hat von denen, die ihr anfänglich geholfen haben. Mit den Rebellen der französischen Rechten, Michel Noir und François Léotard, hat sie gegen das Eigenbrötlertum der Gaullisten und für eine einheitliche Front der Opposition zu konspirieren gewagt. Doch ihre Tränen vor den Fernsehkameras haben wahrscheinlich weniger den Männern ein schlechtes Gewissen gemacht als ihnen ihre Vorurteile bestätigt: So macht eine Frau Politik.

Gegen solch dämpfende Töne im politischen Hintergrund hebt sich das enthusiastische Pro-Präsidentin-Manifest des 31jährigen Thierry Crosson ab wie ein Fanfarenstoß. Voller Bewunderung für die starken Frauen, die femmes de pouvoir, findet er es an der Zeit für die „Wechselfolge der Geschlechter“. Trotz der „sehr machistischen Neigung der Franzosen“ glaubt er, derzeit „eine positive Strömung“ auszumachen, die es „bald einer Frau erlauben wird, die höchste Stufe im Staat zu erklimmen“. Das nennt er das „Jeanne-d’Arc-Syndrom“, und als Beweis zitiert er die auch für den größten Pessimisten unbezweifelbaren Erfolge der Frauen in den letzten zehn, fünfzehn Jahren. Selbst von einer Simone Veil, die sich angesichts der wenig aussichtsreichen Kandidatinnen-Lage den Planspielen des Autors verweigert („Ich glaube nicht, daß derzeit eine Frau zur Präsidentin gewählt werden könnte“), läßt er sich nicht beeindrucken. Und das bisher einzige Beispiel der Kandidatur einer Frau für das allererste Amt – Marie-France Garrand, ehemalige Beraterin Georges Pompidous, die 1981 eine vernichtende Niederlage hinnehmen mußte – dient ihm nur zur Illustration der These, daß bisher eine Frau Mühe hatte, aus der einflußreichen Position im Hintergrund ins Rampenlicht der Popularität zu treten.

Die Portraits, mit viel Witz und Kenntnis der jüngeren politischen Vergangenheit geschrieben, sowie die Interviews (unretuschiert, wie der Verlag versichert) sind allemal lesenswert, und mit seiner These liegt Crosson in etwa im Trend der öffentlichen Meinung: In einer Umfrage der Madame Figaro zum Jahreswechsel hatten 66 Prozent der Frauen und 71 Prozent der Männer gesagt, daß in den zehn folgenden Jahren eine Frau als Premierministerin ins Matignon einziehen würde. Das Elysée allerdings ist da schon schwerer zu erobern: 58 Prozent der Befragten meinten „nein“, nur 34 Prozent wollten den Frauen den Zugang zum Allerheiligsten ermöglichen.

Ist das Buch also ein Beitrag zur Stimmungslage der Nation oder doch vor allem ein Werbegag? Der Jungautor kommt aus dieser Branche, und das apotheotische Vorwort („Margaret Thatcher, die alte Dame aus Eisen, Cory Aquino, die Dame des Herzens, Benazir Bhutto, die Dame des Feuers“) stammt aus der Feder des französischen Public-Relations-Papstes Jacques Seguela. Nur dem findigen Hirn eines Werbemenschen konnte die Idee zur fiktiven Präsidentenwahl entstammen, die der Verlag unter den Buchkritikern veranstaltete. Das Ergebnis gab er jetzt bekannt: Siegerin ist Cathérine Trautman. Catherine, presidente!

Barbara v. Jhering