Durch Firmenaufkäufe wandelte sich der Stromversorger zum Industriemulti

Von Karl-Heinz Büschemann

Auf den ersten Blick erscheint die Bayernwerk AG wie ein ganz normales Unternehmen. Dieser Münchner Konzern verdient gutes Geld, er wächst, diversifiziert in neue Geschäftsfelder, und die Zukunftsaussichten sind erfreulich. Nicht zuletzt sind die Aktionäre mit ihrem Unternehmen äußerst zufrieden: Die Erträge wachsen seit den siebziger Jahren in schöner Regelmäßigkeit.

Allerdings gibt es auch einen gravierenden Unterschied zu anderen Firmen der bundesdeutschen Wirtschaft. Das Bayernwerk ist ein staatliches Unternehmen. Es gehört zu knapp sechzig Prozent dem Freistaat Bayern. Und: Es ist bei seinen Geschäften nicht von Konkurrenten umzingelt. Weil es weder Autos noch Zement produziert, sondern elektrischen Strom erzeugt und verteilt, ist es ein vom Gesetz besonders geschütztes Monopolunternehmen. Mit sechs Milliarden Mark Umsatz zählt es sogar zu den Großen dieses Gewerbes. In der Bundesrepublik gibt es nur zwei Branchenvertreter, die noch größer sind: das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE) und die Veba-Tochtergesellschaft PreussenElektra AG.

Dennoch erinnert das Gebaren des Bayernwerk-Vorstands, der seit Anfang dieses Jahres von Jochen Holzer angeführt wird, keineswegs an träge Verwalter eines risikolosen Geschäfts. Ganz im Gegenteil: Mitten in der allgemeinen Atomenergieflaute – in der westlichen Welt wird zur Zeit kein Atomkraftwerk geplant – setzen die Bayern trotzdem offensiv auf Nuklearstrom und fassen den Bau neuer teurer Meiler ins Auge, sogar im Ausland. Und damit nicht genug: In jüngster Zeit machen die Stromerzeuger, die achtzig Prozent des Bundeslandes Bayern mit elektrischer Energie beliefern, vor allem durch spektakuläre Firmenkäufe in ganz fremden Branchen auf sich aufmerksam. Der einst lupenreine Stromversorger ist längst zum Aluminiumhersteller geworden, ins Papiergeschäft eingestiegen, in die Produktion von Glas und technischer Keramik, und selbst der weltweite Rohstoffhandel ist ihm nicht mehr fremd.

Hatte sich das weißblaue Staatsunternehmen noch in den Siebzigern und Anfang der achtziger Jahre ausschließlich in Energiefirmen – meist Stromverteiler – eingekauft, so war damit spätestens 1988 Schluß. Überraschend erwarben die äußerst solventen Bayern seinerzeit 24,9 Prozent des staatlichen Mischkonzerns Viag, der gerade vom Bund zur Privatisierung freigegeben worden war. Dieser Schachzug war ihnen wichtig. Denn sie bekamen jetzt den beherrschenden Einfluß auf ihren zweitgrößten eigenen Aktionär. Die Viag besitzt fast vierzig Prozent des Bayernwerk-Kapitals, gegen die das Land Bayern im Aufsichtsrat des Energieversorgers bei grundlegenden Entscheidungen trotz seiner Mehrheit nichts ausrichten könnte. Den Bayern gefiel aber vor allem, daß zur Viag stromfressende Industriefirmen gehören wie der Aluminiumhersteller VAW. Nur wenig später griffen die Bayern wieder bei einem intensiven Stromverbraucher zu. Sie kauften sich knapp fünfzig Prozent der PWA Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg AG, in der sie seitdem das unumschränkte Sagen haben.

Völlig überraschend übernahm der Stromversorger im vergangenen Jahr auch noch gemeinsam mit der Viag das Duisburger Handelshaus Klöckner & Co., das mit Verlusten von 600 Millionen Mark vorübergehend in arge Schwierigkeiten geraten war. Anfang dieses Jahres griffen sie noch einmal bei einem guten Stromkunden zu. Sie kauften die Mehrheit des Düsseldorfer Glasherstellers Gerresheimer Glas AG.