Von Dimitri N. Shalin

CAMBRIDGE, MASS. – Sex gibt es in der Sowjetunion natürlich schon länger als Perestrojka. Aber die heutige Erotisierung der gängigen Kultur ist auch ein Ergebnis von Glasnost.

Da erscheint im Playboy- Magazin eine Bildgeschichte über die Frauen von Rußland, da öffnet in Moskau eine Ausstellung über erotische Kunst, in Leningrad eine Nacktphotoschau, und bei den sechzehnten internationalen Filmfestspielen in Moskau gilt eine Sonderveranstaltung dem Sex im amerikanischen Film. Dennoch fielen amerikanische Filmklassiker der sechziger und siebziger Jahre gegenüber dem, was das sowjetische Kino heutzutage zu bieten hat, ziemlich zahm aus.

Da gibt es „Little Vera“, ein Dokument für den Wandel der Moralvorstellungen in einer sowjetischen Provinzstadt. Ein anderer Massenmagnet ist eine Filmversion des Stückes „Lady Macbeth von Mzensk“, die mit ihren eindeutigen Sexszenen überall im Westen als „nicht jugendfrei“ eingestuft würde. Das sowjetische Theater will nicht zurückstehen. Kürzlich klagte bereits ein Kritiker der Kulturzeitschrift Literaturnaja Gazeta, bald würde das Publikum ausbleiben, wenn auf der Bühne die obligatorische Kopulationsszene fehle.

Auch die Massenmedien bemühen sich krampfhaft, Schritt zu halten. Vorehelicher Geschlechtsverkehr, empfängnisverhütende Mittel, Abtreibung, Geschlechtskrankheiten, Prostitution und ähnliche Themen, die früher als Tabu galten, werden öffentlich diskutiert. Der voreheliche Geschlechtsverkehr nimmt unter den sowjetischen Jugendlichen zu; unerwünschte Schwangerschaften und durch Geschlechtsverkehr übertragene Krankheiten werden in der Sowjetunion zu einem ernsthaften Problem.

Nach Auskunft der Zeitung der sowjetischen Jugendorganisation Komsomolskaja Prawda wurden 1988 in der Sowjetunion 6,5 Millionen Abtreibungen vorgenommen. Wenn diese Zahl stimmt, hat allein in jenem Jahr jede zehnte sowjetische Frau im gebärfähigen Alter eine Schwangerschaft abgebrochen, ein Fünftel davon noch Teenager.

Der Hauptgrund für diese schlimme Statistik sind unzuverlässige Verhütungsmittel, wenn sie überhaupt zu bekommen sind. Diaphragmas gibt es nur in drei Größen, Sperma-abtötende Salben sind unbekannt. Kondome sind nur schwer erhältlich. Im vergangenen Jahr, berichtet die Komsomolskaja Prawda, kostete ein Kondom vier Rubel, auf dem Schwarzmarkt sogar mehr als sechs. Heute liegt der Preis bereits eher bei zehn. Kein Wunder, daß die Abtreibung das häufigste Mittel der Geburtenkontrolle darstellt.