Von Michael Stührenberg

Günstiger könnte das Hotel „Polana“ kaum liegen. Geographisch wie strategisch. Nach hinten raus, dort, wohin die teureren Zimmer zeigen, grenzt an den muschelförmigen Swimmingpool nur noch der Indische Ozean. Die Vorderseite liegt im Schutze der Stadt, Maputo, und der in ihr stationierten Elite-Bataillone der mocambiquanischen Armee. Somit beginnt der Krieg erst viel weiter westlich, mindestens dreißig Kilometer von der Rezeption entfernt.

Im Vergleich zum Rest des Landes ist das „Polana“ ein Palast. Das mag, so gesehen, nicht von unbedingter Qualität zeugen. Denn Moçambique, ein ausgedehnter Elendsstaat im Südosten Afrikas, zählt seit langem zu den trübsten Flecken dieser Erde. Die portugiesische Kolonialmacht baute das Land nie richtig auf, und seit seiner Unabhängigkeit vor vierzehn Jahren wird es durch eine von Südafrika gesteuerte Guerilla nur noch systematisch abgebaut. Am Standort Mocambiques gemessen, ist daher fast jedes aufrecht stehende Gebäude ein Palast.

Dennoch hält das „Polana“, ein von den Portugiesen im Kolonialstil errichtetes Grandhotel der zwanziger Jahre, dem Vergleich mit der reicheren kontinentalen Konkurrenz stand. Sicher, es besitzt keine Eislaufbahn wie das Hotel „Ivoire“ in Abidjan, keine romantische Dachterrasse wie das Hotel „Kilimanjaro“ am Hafen von Daressalam und schon gar nicht den überschwenglich unterwürfigen Service kenianischer Strandhotels. Aber dafür besitzt es sich gewissermaßen selbst, seine makellose Fassade, seine Wandelhallen mit Parkett und Bambusmobiliar, seine sich im Meereswind wiegenden Kokospalmen über dem tropischen Garten am Pool.

Trotz aller Unterschiede: Das „Polana“ steht stellvertretend für die von den früheren Kolonialmächten erbauten prunkvollen Grandhotels. Ungeachtet aller sozialen Mißstände oder politischen Unruhen sind sie gestern wie heute Treffpunkt der Reichen und Schönen, der Mächtigen und Einflußreichen.

Das „Polana“ setzt auf luxuriöse Atmosphäre. Im großen Speisesaal gleitet zahlreiches Personal – ein den Jackettfarben nach geordnetes bordeauxrotes, silbergraues Ballett – über den schritteschluckenden Teppich zurück in koloniale Zeiten. Geflissentlich umkreisen schwarze Ober die weißbetuchten Tische. Kerzen beleuchten diskret die randvollen Teller erlauchter Gäste. Hebt sich ein Blick von der Gabel, dann fällt er auf niedrige, von südlichen Pflanzen umwucherte Springbrunnen. Oder auf mächtige Säulen, die sich über zehn Meter hoch bis zur Decke stammen, deren Streben sie stützen wie Atlas’ breiter Rücken die Erdkugel.

Das architektonische Prunkstück ist freilich der gigantische Balkon, der die ganze Breitseite des Saales ausfüllt. Königsblaue Satinvorhänge begrenzen ihn nach beiden Seiten, lenken den Blick zur Mitte hin, wo ein einsamer schwarzer Pianist auf einem Konzertflügel bekannte Weisen interpretiert. Auf „Für Elise“ folgt „Hey Jude“. Die Töne vermengen sich mit der Symphonie von Porzellan und Kristall, mit dem Raunen vielsprachig geführter Konversation.