Von Andreas Nohl

Nicht viele Autoren seiner Generation haben ihren Ruhm so ungebrochen bis in unsere Tage bewahrt wie der Schwede August Strindberg. Sein Ruhm ist nicht zu trennen von seinem Ruf, um den es nie zum besten stand. Daß er ein kalter, eigensüchtiger, ja rücksichtsloser Mann gewesen sei, gehört zu den eher harmlosen Attributen, mit denen man den privaten Strindberg als öffentliche Figur desavouieren wollte. Dies konnte leicht gelingen, denn es traf zu. Gleichwohl fällt die unsaubere Vermischung des Privatlebens mit der Arbeit des Schriftstellers auf. Es gibt noch einen Fall in der Geschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in dem diese Vermischung vorgenommen wurde – und tödlich endete: Oscar Wilde.

Die wenigen Zeitgenossen Strindbergs, die mit vergleichbarer Wirkung sich als Autoren ins moralische Tagesgeschäft eingemischt haben, sind an einer Hand abzuzählen: Emile Zola und Anatole France in Frankreich, Leo Tolstoj in Rußland, Jack London in den USA. Doch keiner von ihnen, auch nicht sein Konkurrent Ibsen, hat sich so sehr mit Haut und Haar, mit jeder Faser seiner physischen und geistigen Existenz der öffentlichen Sache, der politischen Aufklärung verschrieben wie Strindberg. Es gab Zeiten, in denen Strindberg sich selbst mit dieser Sache verwechselte. Er lebte im Fegefeuer eines ganzheitlichen Engagements. Kein Bereich seines Lebens blieb davon verschont. Und sein Programm, wenn man eine Besessenheit so nennen kann, hieß: keine Lüge dulden, die ganze Wahrheit und auch die ganze Unwahrheit in jedem Augenblick sagen, wie schmerzhaft sie auch sein mögen.

Zeit seines Lebens hat Strindberg das Establishment gehaßt, dem nicht anzugehören den „Sohn einer Magd“ schwer traf. Er hat sich gerächt mit der ungeheuerlichen Provokation, die er und sein Werk waren. Noch Franz Kafka, der sich und seine Generation als Zeitgenossen und Nachkommen Strindbergs empfand, schrieb von dessen „schrecklichen Wahrheiten“ und las ihn gleichzeitig, „um an seiner Brust zu liegen“.

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Es ist das Verdienst des Hanser-Verlags, die dreibändige Ausgabe der Strindbergschen Erzählungen, die 1988 im Hinstorff-Verlag (Rostock) erschien, nun auch dem westdeutschen Publikum zugänglich zu machen. Mit ihr wird es nach vielen Jahrzehnten, seit der von Emil Schering herausgegebenen Werkausgabe (1902-1930), zum ersten Mal für deutsche Leser wieder möglich, einen bedeutenden Teil des Strindbergschen Œuvres im Zusammenhang kennenzulernen.

Man möchte dem Herausgeber Klaus Möllmann zu der außerordentlich überzeugenden Gliederung der Bände gratulieren: Die Erzählungen, chronologisch und meist nach den ersten Buchstaben geordnet, finden sich thematisch unter sechs Problemkreisen zusammengefaßt. Dem Leser wird so der Zugang zu den Texten erleichtert. Jeder der sechs Themenbereiche weist jeweils andere und unterschiedlich gelungene Erzählformen auf, vom journalistischen Sketch bis zur großen Schicksalsnovelle. Ohne wissenschaftlich systematisierenden Ballast wird die Entwicklung dieses ausgreifenden, enzyklopädisch veranlagten Erzählers dokumentiert. Daß Strindberg selbst in seinen Lebensbrüchen und biographisch deutlichen Entwicklungsschüben einem solchen Vorhaben entgegenkommt, belegt nur die Triftigkeit der Auswahl. Hier haben wir den seltenen Fall einer Erzählausgabe, in der Autor und Leser sich nahezu gleichberechtigt treffen können. Ein editorischer Glücksfall.