Von Claus Spahn

Othello singt grauenhaft. Die Höhen gequält, das Timbre verschlissen, die Töne mit roher Kraft aus der Kehle gepreßt. In einem Kaftan und Sandalen steht er auf der Bühne. Am schokoladenbraun geschminkten Ohr baumelt ein riesiger Goldring. Othello, ein Mohr wie aus schlechten Kinderbüchern. Umständlich richtet er den Dolch gegen seinen Körper, sticht zu und sinkt mit ganz großer Geste zu Boden. Im Publikum flüstert jemand: "Man sieht ja gar kein Blut." So sterben Opernhelden in Nordhausen.

Schon vor der Pause hat König Belsazar zu Händel den silbernen Weinkelch geschwenkt. Hans Sachs schmettert auf der Festwiese, und das Ballett tanzt den Säbeltanz von Chatschaturjan. Operngala in der Provinz. Die schönsten Arien aus berühmten Werken. Das Ende von Musiktheater.

"Nein, eine einmalige Veranstaltung war das nicht", sagt der Intendant Hubert Kross. Zehnmal schon sei die Produktion in dieser Spielzeit gelaufen mit durchaus beachtlichem Publikumserfolg. "Natürlich weiß ich, daß die Gala schlimm ist. Das war ein Wunsch der Solisten. Sie wollten Arien aus den Opern singen, die wir hier nie aufführen können. Klar, daß das schiefgehen mußte." Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Was soll man machen?" Vierzehn Produktionen bringt sein Dreispartenhaus pro Spielzeit heraus. Mit Gastspielen im Umland geben Oper, Schauspiel und Ballett insgesamt 440 Vorstellungen im Jahr, 200 Abende sind für einen Sänger keine Ausnahme. "In der Provinz muß man mit weniger Leuten mehr auf die Bühne bringen", sagt Kross. Noch schlimmer aber: "Die Herren in meinem Opernensemble haben ein zartes Durchschnittsalter von 54 Jahren. Viele liegen darüber, wenige drunter."

Anfang der siebziger Jahre stellte der Staat die Künstler mit den Werktätigen gleich. Sie erhielten Verträge auf Lebenszeit, im Theaterjargon "Grabsteinverträge". Ob Tänzer, Sänger oder Orchestermusiker – alle wurden unkündbar bis zur Rente. Die Folge: Stellen waren auf lange Zeit blockiert. Die Ensembles verkrusteten zunehmend, sind inzwischen vielerorts hoffnungslos überaltert. Den Solisten fehlt nach zwanzig Jahren Spielplanroutine nicht selten die Motivation. Künstlerisches Niveau bleibt auf der Strecke. Manche sagen, diese Vertragsregelung sei der Anfang vom Ende des Musiktheaters an den kleinen Bühnen gewesen. Die Intendanten hoffen nun auf eine Regeneration nach den Wahlen, "wenn endlich das Leistungsprinzip kommt". Andere fordern einen radikalen Schnitt, zum Beispiel Heiner Müller: "Der erste, der schon in den fünfziger Jahren verlangt hat, ein Drittel der DDR-Theater zu schließen, war Heiner Kipphardt. Man kann diese Dinger eigentlich nur noch mit Scheiße füllen."

"Hab’ ich gelesen", nickt Hubert Kross. "Ich sage Ihnen, so ein Tempel darf nicht leerstehen, nicht in einer Stadt wie Nordhausen. Wir haben hier nichts außer einem halb zusammengefallenen Kino. Wenn die Leute nicht mehr ins Theater gehen können, sitzen sie nur noch vor der Glotze."

Theaterstädte wie Nordhausen gibt es viele in der DDR: klein, grau und kulturell verödet. Die Bühnen, meist großzügig ausgestattet mit Oper, Schauspiel und Ballett, sind einsame Oasen künstlerischer Arbeit. "Nichts los hier", sagt auch Frank Hofmann, der Intendant des Thomas-Müntzer-Theaters in Eisleben bei Halle.