Vytautas Landsbergis, Musikprofessor und Dirigent der litauischen Volksbewegung Sajudis, hörte nur falsche Töne heraus, als Michail Gorbatschow im Januar um Geduld bat: „Warum werden wir gebeten zu warten? Hat Moskau denn Ost-Berlin gebeten, mit dem Einreißen der Mauer zu warten?“ Bei den Wahlen am Wochenende haben die litauischen Bürger eine weitere Mauer eingerissen. Die Volksbewegung triumphierte.

In der neuen Volksvertretung werden nun jene noch eindeutiger das Sagen haben, die bereits vorschlugen, die Unabhängigkeit der Republik schon im Juli zu proklamieren und anschließend über den Abzug der „Okkupationstruppen“ zu verhandeln. Es wird für das 3,6-Millionen-Volk noch manch bitteres Erwachen geben, bis solche Träume in Erfüllung gehen. Ohne Litauen wird sich für die Sowjetunion der direkte Zugang zur Ostsee dramatisch verengen. Das Gebiet Kaliningrad, das frühere Königsberg, wäre nur noch durch einen Korridor zu erreichen.

Nach den ersten Kompensationsforderungen ist bereits die Gefahr deutlich geworden, daß beide Seiten einander noch bittere Rechnungen präsentieren könnten. Und bei allen verständlichen Ansprüchen und Emotionen hat die rohstoffarme Republik wohl noch nicht bis zu Ende durchgerechnet, wann und wie sie jetzt hinter Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn als neue Peripherie der Europäischen Gemeinschaft prosperieren kann. C.S.-H.