Von Horst Bieber

Mit diesem Ergebnis hatte niemand gerechnet, die Sieger nicht und noch weniger die Unterlegenen. Am vergangenen Sonntag haben die Nicaraguaner das Mandat ihres Präsidenten Daniel Ortega nicht verlängert, sondern Violeta Barrios de Chamorro, Spitzenkandidatin des Oppositionsbündnisses, zu seiner Nachfolgerin gewählt. Das Volk hat in freier Abstimmung, unter den Augen Tausender Wahlbeobachter aus dem Ausland, für den Wechsel an der Staatsspitze wie im Parlament votiert, und die Sandinisten haben das Ende ihrer zehnjährigen Herrschaft akzeptiert, entsetzt und erschüttert wohl, aber so demokratisch, wie sie diesen Wahlgang vorbereitet hatten.

Die Wahl hat manches Wunschbild zurechtgerückt. Von Anfang an hatte die Revolution in Nicaragua, die 1979 mit der Vertreibung des Diktators Somoza begann, weltweit fasziniert. Die Linke glaubte, in diesem armen Land Mittelamerikas, das mit Somoza zugleich die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten abgeschüttelt hatte, sie könne endlich einmal den Beweis für den unabhängigen, blockfreien "dritten Weg" des demokratischen Sozialismus erleben und unterstützen. Die Rechte sah dagegen neuerlich den revolutionären Kommunismus am Werke, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt. Auf dem Rücken eines unterentwickelten Volkes wurde ein blutiger Stellvertreterkrieg ausgefochten, der schließlich nur zerstörte, was er angeblich verteidigte, nämlich Freiheit, Menschenwürde und sozialen Fortschritt. Erst im Gefolge des mittelamerikanischen Friedensplans flauten die Kämpfe ab. Es löste sich die Klammer, welche die Sandinisten und das Volk der Nicas gegen die Bedrohung von außen einte. Ausschlaggebend war nun nicht mehr die Ideologie, sondern die alltägliche Realität. Das Volk erhielt und nutzte die Chance, über seine Zukunft selbst zu befinden.

Im Wahlkampf hatten die Sandinisten versprochen: "Alles wird besser." Die Mehrheit hat ihnen nicht mehr geglaubt und wohl auch nicht mehr zugetraut, jene Finanz- und Wirtschaftshilfe aus Kuba oder aus der Sowjetunion zu organisieren, die das Land dringend benötigt – auch unter konservativer Führung. Seit die Sowjetunion ihr Engagement in der Welt abzubauen begann, mußten sich die Sandinisten einschränken; ihr rigoroses Sparprogramm hat die soziale Not vergrößert. In zehn Jahren sind die Realeinkommen auf ein Zehntel geschrumpft. Revolutionäre Phrasen und auch die praktizierte Arroganz der Macht konnten diesen Fehlschlag nicht mehr überdecken.

Doch ob jetzt wirklich alles besser wird, steht noch dahin. Die siegreiche Koalition aus vierzehn Parteien wurde bislang mehr schlecht als recht zusammengehalten durch den gemeinsamen Gegner; über die gemeinsame Regierungszukunft besteht mehr Streit als Einigkeit. Einige lockt bereits der Gedanke, auf die sandinistische Revolution nun die Gegenrevolution folgen zu lassen, erst einmal abzurechnen, statt aufzubauen. Sieger wie Verlierer fürchten bereits Provokationen ihrer Hitzköpfe, die mit dem Feuer spielen. Denn noch ist über die Zukunft der überdimensionierten Streitkräfte und der Contra nicht entschieden. Dieses Potential neuer Gewaltsamkeit kann nur von einer großen Koalition entschärft werden. Die Entwaffneten brauchen Arbeit, Land, Wohnungen. Die Gemäßigten wissen es und handeln entsprechend, aber noch ist nicht entschieden, ob die Vernunft des demokratischen Wahlaktes die kommenden Schwierigkeiten überdauern wird.

Diese Schwierigkeiten kann Nicaragua ohne massive Hilfe von außen nicht meistern. Das Land ist nach zwei Kriegen vollends verarmt, von innerer Aussöhnung noch weit entfernt. Nach zwölf Jahren Krieg will auch der Friede erst gelernt sein, und noch schwerer fällt der parlamentarische Kompromiß, den einzuüben die Politiker noch keine Gelegenheit hatten.

Folglich ist jene Supermacht gefordert, die jahrelang erbittert die Sandinisten bekämpft und erst in den letzten Monaten – die Verwurzelung der Revolutionäre im Volk ebenfalls überschätzend – Signale der Annäherung gab. Die Wahlen sollten ein erster Test sein, den zweiten hatte Washington unmittelbar vor den Wahlen nachgeschoben: Ende der Unterstützung für die Guerilla in El Salvador. Die Sandinisten hatten Bereitschaft zum Einlenken signalisiert. Washington hat jetzt einen politischen Gegner weniger und einen Sozialfall mehr, heißt es in Managua. Und von der Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, der Regierung Chamorro mit Rat und Tat unter die Arme zu greifen, wird nicht nur das Überleben der Nationalen Union der Opposition abhängen.

Denn auch die Nachbarn Nicaraguas werden genau hinschauen. Sie haben den Arias-Friedensplan gutgeheißen, weil sie wohl im stillen hofften, in freien Wahlen würden zuerst die ungeliebten Sandinisten fallen. Diese Spekulation ist aufgegangen, doch damit ist der Plan noch nicht erfüllt. Für alle Staaten Mittelamerikas postuliert der Arias-Plan Frieden durch Freiheit – und Sicherheit durch sozialen Fortschritt. In Nicaragua findet die Bewährungsprobe statt.