Betrüger nutzen die Knappheit skrupellos aus

Von Roland Kirbach

Rund zwei Jahre lang hatte Bernd Seifert* für sich, seine Freundin und seine kleine Tochter eine geräumigere Wohnung gesucht. Zu dritt lebten sie in zwei Zimmern in einer Wohngemeinschaft in Hofheim. Das Städtchen im Taunus ist ein beliebter Wohnort für Leute, die aus dem überfüllten Frankfurt weg wollen oder dort keine Wohnung finden. Entsprechend knapp sind Wohnungen in Hofheim, zumal preisgünstige. Doch teure Wohnungen kann sich Seifert, ein arbeitsloser Diplom-Pädagoge, der sich schon zeitweise vom Taxifahren ernährt hat, nicht leisten. Um so größer war dann die Freude bei ihm und seiner Freundin, als sie den Zuschlag für eine 104 Quadratmeter große, billige Altbauwohnung erhielten. "Wir waren total happy", sagt Seifert, als der vermeintliche Vermieter die Nachricht überbrachte.

Der Katzenjammer folgte rasch. Seifert hatte gerade 2370 Mark Kaution sowie 2500 Mark Abstand für diverse Einrichtungsgegenstände bezahlt, als eines Morgens um acht Uhr die Kriminalpolizei bei ihm klingelte. Seifert erfuhr, daß der vorgebliche Wohnungsbesitzer selber nur Mieter war. An zehn Interessenten hatte er die Altbauwohnung gleichzeitig "vermietet" und jedesmal Kaution und Abstand kassiert. Kurz bevor er sich nach Italien absetzen wollte, hatte ihn die Polizei festgenommen, einer der Interessenten war mißtrauisch geworden. Sein Geld bekam Seifert aber nicht zurück, das hatte der Betrüger bereits beiseite geschafft. "Andere Leute hat es noch härter getroffen als uns", sagt Seifert. Eine alte Dame aus Hamburg zum Beispiel, die sich gleichfalls für die neue Mieterin hielt, war bereits mit dem Möbelwagen unterwegs und erfuhr erst bei der Ankunft in Hofheim, daß sie betrogen worden war. Sie stand buchstäblich auf der Straße.

Bernd Seifert und die anderen Geschädigten gehören zu einem Kreis von Personen, die zunehmend Opfer von Betrügereien werden: Wohnungssuchende. Der "Weiße Ring" in Mainz, ein gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern (Vorsitzender: Fernsehfahnder Eduard Zimmermann), registriert immer mehr solcher Delikte. In besonders krassen Fällen ersetzt der Verein den Betroffenen den Schaden oder wenigstens einen Teil davon, so auch Bernd Seifert. Meistens nämlich werden sozial Schwache oder am Wohnungsmarkt Benachteiligte wie etwa Ausländer betrogen. Mit ihnen haben die Betrüger oft leichtes Spiel. "Wenn endlich eine Wohnung in Sicht ist, werden viele Leute unkritisch", sagt Stefan Kampmann vom Deutschen Mieterbund in Köln.

Rund eine Million Wohnungen fehlen derzeit in der Bundesrepublik. Bis zum Jahr 2000, so prognostiziert das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, wird der Wohnungsbedarf Jahr für Jahr um 500 000 Wohnungen steigen. Doch in diesem Jahr werden nach Berechnungen des Deutschen Mieterbundes nur etwa 300 000 neue Wohnungen fertiggestellt, nach Einschätzung der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden sogar nur 280 000. Der Fehlbestand an Wohnungen wird somit bis zum Jahresende auf 1,2 Millionen ansteigen. Verschärfend kommt hinzu, daß die Bundesregierung zum 1. Januar dieses Jahres im Rahmen der sogenannten Steuerreform die Wohnungsgemeinnützigkeit abgeschafft hat; rund eine Million preisgünstiger Wohnungen sind so auf einen Schlag in den freien Markt überführt worden. Und bis Mitte der neunziger Jahre wird der Bestand an Sozialmietwohnungen um rund die Hälfte zurückgehen, da die öffentlichen Darlehen dann zurückgezahlt sein werden. Opfer dieser "verfehlten Wohnungspolitik" (Mieterbund) sind Mieter und Wohnungssuchende. Immer häufiger würden Vermieter versuchen, mit vorgeschobenen Eigenbedarfskündigungen "unliebsame" Mieter loszuwerden, um die Wohnungen mit einem kräftigen Aufschlag neu zu vermieten. Die Knappheit treibt aber nicht nur die Mieten in die Höhe, die mittlerweile doppelt so stark steigen wie die übrigen Lebenshaltungskosten – zunehmend lockt die Not der Wohnungssuchenden Betrüger an.

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