Die Diskussion über Armenien hat heute zwei Komponenten: eine türkische und eine sowjetische Das Europaparlament verabschiedete am 18. Juni 1987 eine Resolution, in welcher der Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg beim Namen genannt und die Türkei zu einer Anerkennung jener Vorgänge aufgefordert wurde.

Neben anderen Aspekten dokumentiert ein Textband der Armenischen Kolonie zu Berlin vor allem die türkische Gegenreaktion darauf, insbesondere fundamentalistische Kritik und Sendungen eines privaten türkischen Fernsehsenders in Berlin. Immer noch werden jene Vorgänge im Ersten Weltkrieg als – scheinbarer – Angriff auf die nationale Ehre der heutigen Türkei geleugnet, verharmlost oder gar gerechtfertigt und somit auch zum Teil der Auseinandersetzungen ausländischer Minoritäten auf deutschem Boden. Deutsche Politiker halten sich demgegenüber meist recht stark zurück.

Die Nationalitätenkonflikte in der Sowjetunion um Armenier und Aserbeidschaner, insbesondere in der armenischen Enklave Karabach, sind seit dem letzten Jahr immer wieder in die Schlagzeilen geraten. In einem weiteren Quellenband der gleichen Herausgeber wird die Geschichte jenes Konfliktes seit 1919 in hier wenig bekannten Schlüsseldokumenten – Vereinbarungen, Protestnoten und Berichten – erläutert. Hinzu kommen Augenzeugenberichte über die Pogrome an Armeniern 1988, welche die Brutalität der Verfolger unter Beweis stellen, aber auch die derzeitige sowjetische Debatte verdeutlichen.

Insgesamt sind dies beides eindrucksvolle Zeugnisse für die Versuche von Armeniern, eines der ältesten christlichen Völker, das sich seit gut hundert Jahren um kulturelle und politische Autonomie und nationale Selbstbestimmung bemüht, das Gewissen der Welt und zumal der Deutschen für das ihnen angetane Leid empfänglich zu machen, sie von einem Objekt der Machtinteressen anderer Staaten zu einem Subjekt der Geschichte werden zu lassen. Jost Dülffer

  • Armenische Kolonie zu Berlin/Armenischapostolische Kirchengemeinde Berlin (Hrsg.):

Armenische Frage – Türkisch behandelt

Dokumentation einer antiarmenischen Hetzkampagne in West-Berlin sowie über die vom Europaparlament verabschiedete Resolution zur Armenischen Frage; Donat Verlag, Bremen 1988; 126 S., 14,80 DM