Präsident George Bush will Amerika und Europa die Furcht vor der Wiedervereinigung nehmen

Von Ulrich Schiller

Camp David, Ende Februar

Zygmunt Broniarek, der rundlich-kleine Herr mit der starken Brille und einer wachen Intelligenz im Gesicht, hatte die Sicherheitsschleusen zu Camp David in letzter Sekunde passiert. Er meldete sich auf der Pressekonferenz als erster zu Wort, kaum daß der Bundeskanzler seine Erklärung verlesen hatte. "Niemand will die Frage der Einheit der Nation mit der Verschiebung bestehender Grenzen verbinden", hatte es darin geheißen. Broniarek stellte mit scharfer Stimme die zwingende Frage: "Bedeutet das, daß sie die polnische Grenze als endgültig betrachten?"

Die Frage wäre auf alle Fälle gekommen, auch wenn sie nicht der Korrespondent der ehemaligen polnischen Parteizeitung Trybuna Ludu und heutigen Oppositionszeitung Trybuna gestellt hätte. Aber aus polnischem Mund und noch dazu gleich an erster Stelle vorgebracht, offenbarte sie eine gravierende Meinungsverschiedenheit zwischen dem Bundeskanzler und der amerikanischen Regierung, deren Tragweite der Kanzler und seine Begleiter nicht zu ermessen schienen.

Kohl provoziert Fragezeichen

Auf der Bühne bot sich der Presse ein höchst ungewöhnlicher Dialog: Helmut Kohl, nachdem er ausholend "die Rechtslage" dargestellt, die alleinige Zuständigkeit eines gesamtdeutschen Parlaments beschrieben und erneut versichert hat, niemand wolle die Einheit der Nation mit einer Verschiebung der Grenzen verbinden, glaubt, das Thema damit abgehakt zu haben. Doch dann greift George Bush ein: "Darf ich, mit Ihrer Erlaubnis, Herr Bundeskanzler, die Position der Vereinigten Staaten hinzufügen." Der amerikanische Präsident bleibt höflich, gleichwohl ihm die Ungeduld deutlich anzusehen ist: "Die USA respektieren die Abmachungen der Schlußakte von Helsinki bezüglich der Unverletzbarkeit der gegenwärtigen Grenzen in Europa. Die USA erkennen die deutsch-polnische Grenze förmlich an. Ich wollte das hier nur einbringen."