Menschen lieben das Extreme. Ihre Geschichte wird begleitet von Geschöpfen der Imagination: Elfen, Trollen, Geistern, Einhörnern. Durch Jahrtausende hinweg vor allem aber von Riesen und Zwergen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Es wäre eine Untersuchung wert. Die Werbung lebt davon: der kleinste Computer (Zwerg Allwissend), der größte Hund – Mainzelmännchen und Empire State Building. Das Guinnessbuch gibt Auskunft über was und wie – nicht aber über das Warum. Christine Nöstlinger. dazu befragt, würde – ich bin sicher – ihre großen Augen erstaunt auf den Frager richten und im Austria-Originalton sagen: „Woher soll ich wissen, warum mir etwas einfällt?“ Recht hat sie Warum soll sie den Umgang mit Wesen begründen, die schon immer da waren, durch die Literatur trippeln und dröhnen und denen jedes Medium recht ist: die Bibel, die großen Mythen, Odyssee, Edda, Dantes Inferno, Swift, Grimm. Und heute: Roald Dahl und Nöstlinger, die Unerschöpfliche.

Deren Bücher haben fatalerweise eines gemeinsam: Sie zwingen zum Weiterlesen. Der Leser knipst bleimüde, aber glücklich das Licht aus, der Tag blättert die letzte Seite um. Anna, das Mädchen, dem am Einschulungstag ein Zwerg durchs Ohr in den Kopf gekrabbelt ist, um sich dort dauerhaft zu etablieren, Anna ist gut dran. Wenn es um die Wurst geht, beantwortet der Zwerg unaufgefordert ihre Ratlosigkeit, besänftigt den Kummer, tröstet verschmähte Liebe, unter der auch und gerade sehr junge Menschlein zu leiden haben, denken Sie nur zurück!

Der Trick ist nicht neu, aber unendlich zu variieren: Ein phantastisches Wesen, mitten hineingestellt in unsere total technisierte entzauberte Welt, wirkt um so überzeugender, je weniger irgend jemand mit seinem Dasein rechnet. Aber es nützt alles nichts: Der Zwerg ist da und im äußersten Notfall auch mal bereit, als Beweismittel in der Ohrmuschel zu erscheinen. Nicht gern, er bekommt leicht eine Sauerstoffvergiftung; aber wenn es um die Glaubwürdigkeit des von ihm bewohnten Köpfchens geht – dann schon.

Anmutig ist die Geschichte vom hilfreichen Kopfinsassen in eine Alltagsgeschichte eingefädelt. Da gibt es die ganz normal geschiedenen Eltern und die daraus folgenden Komplikationen. Die Geschiedenen verstehen sich nach einer Weile gar nicht so schlecht, man arrangiert sich, und Anna hat keineswegs nur Nachteile aus der räumlichen Trennung der Eltern durchzustehen. Sie wird ehrlich geteilt und läßt sich’s wohl sein dabei. Nur die Eltern der Eltern machen Schwierigkeiten. Sie waren schon immer der Ansicht, daß dieser Kerl – dieses Weibsbild – das liebe hübsche Mädel – den viel zu gutmütigen braven Jungen – gar nicht verdient, und nun sieht man’s ja... Und so versauen sie im Haß auf den Expartner ihrer Kinder dem geliebten Enkelkind Anna jedes Weihnachtsfest, jeden Geburtstag durch einen verbitterten Anspruch auf Alleinherrschaft. Da hilft kein Zwerg, so ist das nun mal. Katastrophen sind indessen nicht vorgesehen – Nöstlinger sei Dank. Zufrieden seufzend darf man das Buch zuklappen, nachdem mit Menschen- und Zwergenlist kompliziert Gehäkeltes behutsam aufgedröselt wurde.

1976 gab es schon einmal Zwergen und Riesen bei der Nöstlinger. Da ging es um die Macht der Liebe und darum, daß auch die brennendste Sehnsucht keine Ausrede dafür sein kann, sich miserabel zu benehmen – Riese hin, Riese her. Und von Frauen ist da die Rede, die pragmatisch, ohne Federlesens den total übergeschnappten Kerlen die Köpfe zurechtrücken – Liebe hin, Liebe her. Vor dreizehn Jahren – so scheint es mir – blitzte bei der Nöstlinger hin und wieder noch etwas Pädagogisches durch. Man konstatiert es amüsiert. Ein Stück Lebenshilfe – ohne jede Penetranz – sind ihre Texte heute noch. Und diese Leichtigkeit macht ihr so schnell keiner nach. Gert Haucke

  • Christine Nöstlinger:

Der Zwerg im Kopf