Von Rosemarie Noack

Kaum ein anderes Massenphänomen der jüngsten Zeit hat so viel Aufmerksamkeit erregt wie der Tourismus. Seine oftmals spektakulären Erscheinungsformen und die Glücksverheißungen, die mit dieser populärsten Form von Freizeitvergnügen einhergehen, finden in den Medien und in der Öffentlichkeit stets ein breites Echo. Selbst als der Tourismus der frühen Jahre seine Unschuld verloren hatte und hinter den exotischen Palmen-Panoramen mitunter traurige Tropen sichtbar wurden, als vom Teutonengrill die Rede war und Mallorca zu einem Synonym für Massentourismus wurde, büßte das Reisen seine Faszination nicht ein.

Während Traum und Trauma des Tourismus immer wieder die Gemüter bewegten, wurde der wirtschaftlichen Bedeutung des Fremdenverkehrs lange wenig Beachtung geschenkt. Dabei stieg die Zahl der Nestflüchter, die außerhalb der Landesgrenzen Urlaub machten, ständig an, und ihre Mobilität bescherte der Tourismusindustrie Wachtumsraten, die weitaus populäreren Branchen versagt blieben. Ernst zu nehmende Prognosen gehen davon aus, daß der Reiseverkehr bis zum Jahr 2000 weltweit der bedeutendste Wirtschaftsfaktor sein wird.

Wenn solche Erfolgsfanfaren erschallen, sollte jedoch nicht vergessen werden, daß Reisen nur dort ein selbstverständliches Stück Lebensqualität repräsentiert, wo breite Bevölkerungskreise über Wohlstand und ausreichend Freizeit verfügen. Achtzig Prozent aller Reisenden kommen aus den Industriestaaten. Für Entwicklungsländer hingegen ist der Fremdenverkehr ein einseitiges und häufig zweifelhaftes Vergnügen. Weil diese Staaten aber in vielen anderen Branchen nicht mit den Industrieländern konkurrieren können, werden Touristen als Devisenbringer umworben. Fast überall in der Dritten Welt gehört die Reiseindustrie heute bereits zu den drei größten Wirtschaftsbranchen.

Vor allem die Bundesbürger sind im Ausland gerngesehene Gäste. In vier Jahrzehnten entwickelten sie eine enorme Mobilität, wenn es galt, dem Alltag zu entfliehen. Sie gehören zu den umtriebigsten Nationen und lassen sich den jährlichen Tapetenwechsel am meisten kosten. 46 Milliarden Mark gaben sie 1989 während ihrer Auslandsreisen aus und konnten sich damit wieder einmal als Reiseweltmeister feiern lassen.

Doch die Zeiten, als die Ferien-Fabrikanten wie Menschheitsbeglücker auftraten und ihrem Publikum gedankenlos den Globus zu Füßen legten – heute Marbella und Miami, morgen Pisa und Peking –, diese Pioniertage touristischer Entdeckungs- und Eroberungszüge sind endgültig vorbei. Längst ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen. Denn der massenhafte Aufbruch in die Ferne blieb nicht ohne Folgen.

Was einmal als Demokratisierung des Reisens gefeiert wurde – der für breite Bevölkerungskreise erschwingliche Ferienaufenthalt –, war nur die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite zeigte sich mit Verzögerung. Der Anspruch der Reisenden, Land und Leute kennenzulernen, entpuppte sich häufig als illusionäres Ansinnen, und der Prostitutions-Tourismus trübte das Renommee der Fernreisen nach Kenia und Bangkok. Unter dem Ansturm der Urlaubermassen, die oft wenig Rücksicht nahmen auf die Besonderheiten des fremden Kulturbereichs, veränderten sich zuvor intakte Sozialstrukturen. Ganze Landstriche nahmen Schaden, weil sich die Fremden ihrer so gedankenlos bedienten wie einer Wegwerfware aus dem heimischen Supermarkt. Es dauerte eine Weile, bis selbst die Individualreisenden einsahen, daß sie es nicht besser machten als die vielgeschmähten Neckermänner.