ARD, Sonntag, 25. Februar: "Presseklub"

In Nachfolge des alten Höferschen Frühschoppens tagt sonntags um zwölf Uhr im WDR der Presseklub-, mal moderiert Dieter Thoma, mal Gerhard Fuchs eine Runde von Journalisten aus aller Welt. Die einheimischen Kollegen werden, ganz wie die Olympioniken, mit dem Zusatz "Deutschland" vorgestellt. Seit kurzem ist das kein Alleinvertretungsanspruch mehr, sondern ein Vorgriff auf die nahe Zukunft. Dieser Umstand ist es vor allem, der dem Presseklub derzeit seinen Debattenstoff liefert.

Die Themen heißen "Anteilnahme oder Einmischung?" (der Westparteien drüben) und "Der Osten war rot. Europas Landkarte verändert sich", sie behandeln den Flüchtlingsstrom aus der DDR und die deutsche Einheit. Sinn der Sache ist nicht nur, daß hier Engländer, Polen oder Franzosen mit Deutschen diskutieren, sondern auch daß Vertreter von Hörfunk und Zeitungen sich dem visuellen Medium aussetzen. Nicht nur die Nationen werden gemischt, auch die Medien. Was herauskommt, sind aufschlußreiche Kreuzungen.

Es sei denn, die Redaktion des Presseklubs weicht vom Wege ab und fällt in die fernsehtypische Vorliebe für die Großprominenz zurück. Nichts gegen berühmte Journalisten, auch sie gehören hierher, aber müssen es immer wieder Top Politiker sein, die ja der Fernsehkonsument von der Tagesschau oder sonstwie schon satt hat? Unsere Parteichefs und Minister sind zwar prominent, aber im Fernsehen eben deshalb nichts Besonderes. Viel sehenswerter ist zum Beispiel der Schreiber von der Rheinischen Post, zu dessen Namen man nun auch die Nase kennenlernt.

Ferner herrscht zwischen Politikern und Journalisten eine Arbeitsteilung, die letzteren das klare Wort abverlangt, ersteren es aber häufig untersagt. Politiker müssen ver-, Journalisten aufdecken, schon deshalb gehören nicht beide an einen Tisch im Presseklub. So ging dann auch in der Sendung vom 11. Februar unter kräftiger Mitwirkung Genschers ein Phrasenhagel auf das Publikum nieder, und wenig besser lief’s am 14. Januar mit Willy Brandt. Bleiben dagegen Zeitungs- und Radioleute unter sich, gewinnt gewöhnlich das Thema in all seiner Kniffligkeit Kontur.

So wie letzten Sonntag die Bewegung des Zinssatzes. "Steigende Zinsen – gefährdeter Wohlstand?" fragten mit Gerhard Fuchs Marietta Kurn vom Handelsblatt, Helmut Maier-Mannhart von der Süddeutschen Zeitung, Klaus Emmerich aus Brüssel und Don Kirk aus den USA sowie Jonathan Carr aus England. Kein Politiker glättete mit seinen Interessen die wirre Materie, und so erfuhren wir, was alles es drückt und hebt, dieses empfindliche Zünglein zwischen Investitions- und Sparrate: Jeder Boom treibt es hoch, so auch die erwartete Konjunktur in der DDR. Aber spiegelt der Hochzins wirklich nur die nahe Einheit und nicht vielmehr den steigenden Kapitalbedarf pro Produkteinheit und damit die Automatisierung wider? Säkulare Trends in Politik und Ökonomie schneiden sich im Zinseszins, und der Laie registriert zufrieden, daß auch der Fachmann rätselt.

Komplexe Verwirrung ist häufig produktiver und den Realitäten angemessener als die ideologische Scheinklarheit, zu der Politiker streben. Auch deshalb sei der Presseklub der Presse vorbehalten.

Barbara Sichtermann