Mein Friseur wohnt mitten im Dorf. In dem verwinkelten Haus hat er unten seinen Laden, oben die Wohnung. Auf der anderen Straßenseite steht mächtig die Kirche mit dem alten Turm, neben ihr sind drei kleine Dorfläden, in denen es alles zu kaufen gibt, was man so braucht. In diesen Läden geht es schweigsam zu. Nur bei meinem Friseur wird geschwätzt, geredet, manchmal auch gelacht. Man kommt zu ihm durch ein eisernes Tor, indem man einen dicken Baum umrundet und seitlich in den Laden tritt. Rechts sind drei Kabinen für die Damen, die Tochter meines Friseurs ist dort am Werk. Sie muß die Dorffrauen manchmal anschreien, weil sie heiße Hauben auf den Köpfen tragen.

Links in der Ecke, am Fenster, ist der Haarschneideplatz für einen Herrn. Unter dem großen Spiegel baucht sich ein riesiges Waschbecken. Darüber liegen auf einem Glassims Scheren, Kämme, Tücher und die Sprays meines Friseurs. Hinter dem Haarschneideplatz befindet sich eine kleine Verkaufstheke. Dort kassiert mein Friseur den Haarschneidelohn und die dreimal höheren Honorare der Damen. Dort verkauft er auch mal eine Haarcreme oder eine Drahtbürste.

Mein Friseur weiß, daß ich es immer eilig habe. Er begrüßt mich freundlich mit Namen. Mit lautem Knall wirbelt er den Drehsitz des Friseurstuhls herum, damit ich die Sitzwärme meines Vorgängers nicht mehr spüre. Dann schaut er mich vorwurfsvoll an und spricht von meinem furchtbaren Pelz, der ihn wieder viel Mühe kosten werde. Denn ich gehe immer zu spät zu meinem Friseur. Die Haare sind dann zu dicht und zu lang. Mein Aussehen macht ihm Sorgen. So kann man nicht herumlaufen! Doch so ungeschminkt sagt mir mein Friseur das nicht; er läßt durchblicken, daß ich etwas für mich täte, wenn ich nicht immer so lange zuwartete. Ich gestehe jedesmal schuldbewußt, daß er recht habe und ich mich das nächste Mal bemühen würde, früher zu kommen.

Inzwischen hat er mir an den Hemdkragen gegriffen – er pflegt den Friseurumhang an dem nach innen gerollten Kragen seiner Kunden zu befestigen. Wir lachen nun beide, mein Friseur und ich, denn diesen Dreh habe ich ihm einst verboten. So zieht er scherzhaft schnell die Hand zurück. Vor vierzehn Jahren nämlich hat er nach dem Haarschnitt vergessen, meinen Kragen wieder hochzurollen, und ich selbst habe es nicht bemerkt. Mit dem seltsam eingerollten Kragen habe ich mich dann einem Chefredakteur vorgestellt, von dem ich eingestellt werden wollte. Erst später merkte ich, warum der mich so erstaunt gemustert hatte. Sechs Wochen danach habe ich es meinem Friseur erzählt und ihm verboten, darüber zu lachen.

Der Friseur fragt nach meinem Garten, nach der Reife des Obstes. Dann erzählt er mir eine Geschichte von einem Bauern aus unserem Dorf, der einst vom Rad fiel. Der Bauer ist schon lange tot. Danach preist mein Friseur den Dorfpfarrer. Während er die Schere an meinen zu dichten und zu langen Haaren klappern läßt, bleibt er bei den Allgemeinheiten, sagt nichts Abträgliches oder gar Lustiges über andere Dorfbewohner. Wenn sein Laden zum Nachrichtenknoten für Dorfereignisse würde, wäre er bald leer. Über seine neue Konkurrentin am Dorfrand ist meinem Friseur nur ein Fauchen zu entlocken. Sein Bedauern über Haarausfall und dünnen Bewuchs auf meinem Kopf ist aber doch von Freude getönt. Er rät, die anderen Haare schief darüber zu kämmen.

Wenn das Haar wieder in Form ist, wie der Friseur es nennt, zeigt er mir vorwurfsvoll die Haarbüschel am Boden. "Bis bald!" sagt mein Friseur schließlich gedehnt, reicht mir die Hand und macht die Ladentür langsam hinter mir zu. Übrigens: Den Posten vor vierzehn Jahren habe ich trotz des eingerollten Kragens gekriegt.

Hanno Kühnert