Von Karlheinz Lohs

LEIPZIG. – Nach der Wende sind wir nun auf der Suche – auch auf der Suche nach einer anderen, besseren, menschlicheren Sprache.

Der verbale Barock der ehemaligen Parteipresse und die Sprachdiktate aus dem Hause Honecker/Herrmann treffen uns nicht mehr. Aber betroffen bleiben wir vorerst noch, denn Worte beziehen sich auf Sachen und Sachverhalte, und was sich hier in vierzig Jahren angestaut hat, ist nicht in wenigen Monaten abgebaut.

Die durch die Sprache forcierte Militarisierung des Denkens war besonders folgenschwer. Da gab es die Kampfziele im Wettbewerb, die Schlachten in der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion, wir standen in der vordersten Front des Fortschritts. Allgegenwärtig waren die Feindbilder vom geschlagenen Kapitalismus und die Formel von der Unbesiegbarkeit des sozialistischen Lagers bis hin zu dem – eine Art Krönung in doppeltem Sinne – Generalsekretär als der Verkörperung unantastbarer Macht einer einzigen, alles beherrschenden Wahrheit. Man wollte dem Volk eine Unversöhnlichkeit mit Andersdenkenden suggerieren, die in makaberer Weise an die Endsieg- und Durchhalteparolen der Kriegsjahre erinnerte.

Franz Rosenzweig mahnte, daß Sprache mehr sei als Blut. Rückschauend hat das deutsche Volk in diesem Jahrhundert mit zwei schlimmen „Blutvergiftungen“ seiner Sprache fertig werden müssen. Hoffentlich lernen wir es noch vor dem Ende dieses Jahrhunderts, mit den Worten unserer Sprache überlegter, friedfertiger umzugehen. Legen wir die Sprache der Anmaßung und Überheblichkeit, die Sprache der Militanz und Konfrontation endgültig ab zugunsten einer Sprache, die Verstehen fördert und von allen verstanden wird. Lernen wir die Sprache der Kooperation! Finden wir zu einer Sprache zurück, die wieder zuhören läßt, die das menschliche Beziehungsgefüge widerspiegelt, statt es zu verzerren. Üben wir wieder Toleranz im Denken, Sprechen und Handeln. Sprache ist stets Ausdruck von Haltungen.

Die faschistoide Sprachverformung machte auch vor dem Wort Frieden nicht halt. Sie verballhornte jahrzehntelang die Sehnsucht der Menschen nach einem von Kriegsfurcht befreiten Zusammenleben. Sie machte ihn zum Friedenskämpfer, scheute aber den Begriff Friedenserziehung in unseren Schulen. Selbstverständlich wurde dieser Kampf – wie konnte es anders sein – unter der siegreichen Führung einer Partei und ihres Generalsekretärs gegen den Klassenfeind geführt; es ging um die Vernichtung all derer, die über die Welt und die Zukunft der Menschheit andere Ansichten hatten, als die offizielle Linie vorscirieb, oder sie gar aussprachen (und diese Vernichtung wurde praktiziert – nicht nur mit Worten!).

Meine Generation hat in den letzten Monaten bereits zum zweiten Mal den Verfall von Sprachhülsen erlebt. Sie hat die eigene Sprachlosigkeit wie einen fast körperlichen Schmerz empfunden. Sie hat die Lüge der Worte parallel zur Verwerflichkeit des Tuns miterleben müssen.