Technischer Fortschritt und die 35-Stunden-Woche machen flexible Arbeitszeitmodelle unvermeidlich

Von Erika Martens

Der Sozialist Karl Kautsky erkannte den Zusammenhang schon vor mehr als fünfzig Jahren. "Wenn in einer Fabrik die tägliche Arbeitszeit des einzelnen Arbeiters von acht auf sechs Stunden herabgesetzt wird, so kann der Profit steigen, auch wenn der Tageslohn der gleiche bleibt und der Preis des einzelnen Produkts nicht erhöht wird. Das Wachsen des Profits wird dadurch erreicht, daß man in zwei Schichten arbeiten läßt, die Betriebszeit von bisher acht etwa auf zwölf Stunden erhöht. Der Wert der am Tag produzierten Waren steigt in diesem Fall um fünfzig Prozent, während das im Betrieb steckende fixe Kapital unverändert bleibt."

Was Kautsky 1937 über "Die Krise des Kapitalismus und die Verkürzung der Arbeitszeit" schrieb, griffen die Arbeitgeber der bundesdeutschen Metallindustrie in der Auseinandersetzung um die Verkürzung der Wochenarbeitszeit 1984 wieder auf: Sie rechneten vor, daß die tarifliche Arbeitszeit im Durchschnitt seit 1960 um gut 400 Stunden jährlich gesunken ist, während die Kosten für einen neuen Arbeitsplatz von durchschnittlich 20 500 Mark (1960) auf inzwischen rund 200 000 Mark stiegen. Derart teure Maschinen, so die Argumentation, sind nur rentabel, wenn sie auch genutzt werden. Flexibilisierung hieß das Konzept, das sie der Forderung der Gewerkschaften nach der 35-Stunden-Woche damals entgegensetzten. Flexibilisierung war denn auch der Preis, den die Arbeitnehmervertretungen für den Abschied von der 40-Stunden-Woche zahlen mußten. In ihrer flotten Kurzform Flexi beherrscht die Zauberformel seitdem die Arbeitszeitdiskussion.

Auch in der Tarifrunde dieses Jahres sind 35-Stunden-Woche und Flexibilisierung untrennbar miteinander verbunden. Selbst die IG Metall, 1984 noch energischer Verfechter der althergebrachten starren Arbeitszeitsysteme, mußte ihren hinhaltenden Widerstand mittlerweile aufgeben. Mit der Version "Arbeitszeit à la carte" versucht sie den Wünschen ihrer Mitglieder nach größerer Souveränität über Arbeits- und Freizeit Rechnung zu tragen.

Was aber steckt hinter diesen Schlagworten? Wie läßt sich die Entkopplung von Arbeits- und Betriebszeiten erreichen? Flexi ist zunächst einmal alles, was nicht der Norm des Acht-Stunden-Tages entspricht: Teilzeitarbeit zum Beispiel oder Gleitzeit. Aber zu Flexi zählt noch viel mehr: Neue Schichtsysteme mit Nacht- und Wochenendarbeit fallen darunter ebenso wie versetzte Arbeitszeiten, Jahresarbeitszeitverträge oder Verzicht auf Betriebsferien und gemeinsame Pausen. Kurzum, alles, was Arbeitnehmern oder Arbeitgebern einfällt, um die Arbeitszeit den individuellen Bedürfnissen von Unternehmen oder Mitarbeitern anzupassen.

Widerstand und Skepsis