iHort weg!

kein wort soll mehr von aufbau sein kein wort mehr von arbeit und altersrente hört weg — ihr beiden — ich rede allein für asoziale elemente Christa Reinig feulich fanden da Umbauarbeiten statt. "Wenigstens hier", so mein erster Gedanke. Der Schriftsteller D hatte mich den ganzen Tag lang durch die Randbezirke gefahren, wo die Häuser lautlos sterben. So hatte der Baulärm in der Buchhandlung geradezu etwas Tröstliches.

Auf dem Tisch mit den Neuerscheinungen ragen zwei Stapel heraus. Der alte Reflex: Zugreifen, ehe man sie dir vor der Nase wegschnappt! Wie damals, als ich Christa Wolfs "Störfair hier vergeblich zu ergattern versuchte, weil wieder einmal die Auflage zu knapp war. Das Papier. Ohne sie erst großartig aufzuschlagen, landen in meinem Körbchen: Uwe Johnson "Eine Reise wegwohin und andere kurze Prosa" und Fritz Rudolf Fries "Der Weg nach Oobliadooh".

So recht kann der Begleiter meine Erregung nicht verstehen. Gut, er ist Lyriker. Bei einer repräsentativen Ausgabe der Gedichte Peter Huchels wäre vielleicht er ein wenig zappelig geworden. "Alles zu spät", winkt er ab, "keine Reise nach Oobliadooh interessiert die Sachsen, sondern wie man billig an die Nordsee kommt, Campingführer müssen her; wenn derzeit überhaupt gelesen wird, dann Titel wie Wir sind das Volk, Aufbruch in eine andere DDR oder Die Wende läuft " Dennoch versuche ich, mir bei der Verkäuferin Bestätigung zu holen: "Dieses Buch hier geht doch sicher weg wie warme Semmeln — "Der Tschonsen", sagt sie, unüberhörbar um Weitläufigkeit in der Aussprache bemüht, "der Tschonsen liegt hier schon Wochen herum, Der Weg nach Dingsda schon Monate Kaum hat sie das gesagt, leuchtet mir ein knallroter Balken entgegen, die Unterstreichung des Buches "Zu den Unterlagen". Es handelt sich dabei um "Publizistik 1957 1980" von Hermann Kant. Zweite Auflage. Zu den Unterlagen, denke auch ich, also hinein ins Körbchen, wer weiß, ob diese Publizistik die Umbauarbeiten übersteht.

Hat man denn alles vergessen? Muß man denn erst eine Geschichte der Zensur in der DDR schreiben, damit die Menschen zu schätzen wissen, was da jetzt in ihre Läden gekommen ist? Das erste Buch von Uwe Johnson in der DDR! Nur einmal reichte er in der DDR ein Manuskript ein "Ingrid Babendererde" wurde nach Fertigstellung 1956 gleich von vier Verlagen abgelehnt. Ein Grund für die Tabuisierung Johnsons läßt sich hier schon nennen: Er zog 1959 nach West Berlin. Wer einmal die DDR verließ, der mußte von der Bildfläche der Verlage verschwinden. Viele gingen schon, bevor mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 ein Massenexodus einsetzte. Peter Huchel, jahrelang vor seinem Weggang 1971 schikaniert, ist als Autor in der DDR faktisch inexistent. Genausowenig gibt es eine Werkausgabe der Lyrikerin zwischen Brecht und Biermann: Christa Reinig, der Verfasserin der berühmten "Ballade vom blutigen Bomme". Dann die Prosa Manfred Bielers. Sein Roman "Der Bär" (1983) erzählt die Geschichte eines Zimmermanns, der sich für einen nach Westdeutschland geflohenen Freund einsetzt und dafür acht Jahre ins Zuchthaus muß. Helga M. Novak berichtet in ihren zwei autobiographischen Bänden "Die Eisheiligen" (1979) und "Vogel federlos" (1982) von ihrer ideologisch verplanten Jugend und montiert in ihren Text ausgiebig dokumentarische Zitate aus Ulbricht Reden, SED Beschlüssen und Artikeln des Neuen Deutschland hinein.

Wer kennt in der DDR Einar Schleef? Er erzählt in seiner zweibändigen Familiensaga "Gertrud" (198084) aus der Perspektive einer thüringischen Rentnerin die Geschichte einer Einzelkämpferin, die von allen verlassen wurde: dem Kaiser, dem Staatsratsvorsitzenden und den eigenen Söhnen, die in den Westen "rübergemacht" haben. Mecklenburg stünde köpf, wenn dort die Bücher Walter Kempowskis erschienen, der von 1948 bis 1956 in Bautzen saß. Der mehrfach wegen "staatsfeindlicher Hetze" inhaftierte Gerald Zschorsch berichtet in "Glaubt bloß nicht, daß ich traurig bin" (1978) — wie zuvor Jürgen Fuchs und später Ulrich Schacht — vom Leben im Zuchthaus, aber auch vom frühen Kampf der Bluejeans gegen das Blauhemd.

Bei Johnson waren es nicht einmal vordergründige politische Gründe, die ihn zum Weggang motivierten: "Ich bin dorthin gezogen, wo mein Buch gedruckt wurde (Auch das wird sich später bei anderen wiederholen ) Das Buch hieß "Mutmaßungen über Jakob" (1959). Es war sein erstes und ist früher Ausdruck einer Obsession, die ihn bis zu den vier Bänden der "Jahrestage" nicht mehr losließ: die gespaltene deutsche Wirklichkeit.