Gewerkschafter und Umweltschützer haben sich längst daran gewöhnt: Meistens steht zunächst die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Spiel, geht es um Forderungen, Technik und Produkte mehr menschen- und umweltfreundlich zu gestalten. Die Wechselwirkung ist ebenso bekannt. In vielen Fällen nutzten die Firmen die mühsam zugestandenen Verbesserungen dann zum wohlfeilen Wettbewerbsvorteil. Ein Beispiel ist jene Werbekampagne, die jüngst zwei Anbieter von Hausgeräten starteten. Sie ließen die Öffentlichkeit wissen, daß Kühlschränke nun auch ohne FCKW funktionieren. Umweltschutz wurde zum Verkaufsargument.

Doch was die Liebe zur Umwelt schon schaffte, geht in einem anderen Bereich nur mühsam voran: im Milliardengeschäft mit der Telephontechnik. Dort werden Kritiker vorzugsweise noch als Querulanten betrachtet, die modernen Service einfach nicht zu schätzen wissen.

Wie immer, wenn es um den technischen Fortschritt geht, zeigt Amerika längst dem Rest der Welt, wo es langgeht. So eben auch beim Telephon. Für ein paar Dollar mehr im Monat bieten amerikanische Telephongesellschaften ihren Kunden einen Service, von dem Bundesbürger nur träumen können. Der Apparat läßt nur erwünschte Anrufer durch, kündigt sie an oder notiert sie, wenn der Gesprächspartner bereits telephoniert. Auch die Umleitung von Gesprächen, wie sie in der Bundesrepublik derzeit nur innerhalb von Büros möglich ist, funktioniert in den Staaten schon landesweit, auch zwischen Privatanschlüssen.

Vieles davon, und darauf ist die vielgescholtene Bundespost stolz, wird auch hierzulande bald möglich sein. ISDN heißt das spröde Kürzel, hinter dem sich ein gigantischer Plan verbirgt. Mit Milliardenaufwand modernisiert die Post derzeit das alte Fernmeldenetz. Gespräche werden noch klarer, Computerdaten noch schneller übertragen, Service und Komfort selbstverständlich.

Das alles machen die guten alten Kupferkabel möglich. Modernisiert wird nämlich nur die Übertragungs- und Vermittlungstechnik. Das ist auch der Grund dafür, warum der Umbau des Fernmeldenetzes zu einem computergesteuerten Universalnetz so still und leise vor sich geht. Dabei ist es ein faszinierender Plan. Übertragen auf den Straßenverkehr, bedeutet er, daß allein durch einen technischen Trick die Kapazität von Landstraßen auf die von vielspurigen Autobahnen ausgedehnt würde, auf denen dann Radfahrer und Rennwagen gleichzeitig fahren könnten, ohne daß sie sich in die Quere kämen.

Doch in der allgemeinen Bege’sterung über die zukunftsträchtige Infrastruktur und bei der glänzenden Aussicht der Wirtschaft, mit dieser Technik an der Spitze des technischen Fortschritts zu stehen, haben die Ingenieure der Post und Industrie leider eines übersehen: den Datenschutz. Und da sind die Deutschen sensibel. Immer mehr Menschen glauben, daß mit der neuen Technik hierzulande das Vertrauen in unbeobachtete Kommunikation beim Telephonieren verlorengeht.

So laufen bereits Mitarbeiter von Telephonseelsorge, Aids- und Drogenberatung Sturm, wenn es um die Rufnummernanzeige geht. Sie bedeutet, daß der Anrufer auf dem Gerät seines Gesprächspartners mit Namen oder Rufnummer erscheint, bevor der seinen Hörer überhaupt abgenommen hat. Die Hilfesuchenden setzen aber gerade auf Anonymität und werden auf den Kontakt verzichten, wenn diese nicht mehr gewährleistet ist.